TV-Dinosaurier wirft das Handtuch

7. Dezember 2005, 11:23
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Moderator und Bush-Kritiker Ted Koppel verlässt nach 26 Jahren seinen angestammten Platz bei "Nightline"

Er war das Tor zur Welt. Jeden Abend um 23.30 Uhr, wenn Amerikaner mehr erfahren wollten, als ihnen die Abendnachrichten mit ihren "sound bites", den charakteristischen, nur Sekunden dauernden Wortspenden liefern, mussten sie bis knapp vor Mitternacht ausharren. Dann wurde auf ABC-"Nightline" ein Thema des Tages aus allen Winkeln beleuchtet, die handelnden Personen wurden oft per Satellit eingebeamt und von Moderator Ted Koppel fair aber hart ins Verhör genommen: Ferdinand Marcos, Daniel Ortega, Nelson Mandela, Vladimir Putin – die Liste ist endlos.

Damit ist jetzt Schluss: auch der letzte TV-Dinosaurier gibt auf. Nach Peter Jennings' Tod und Dan Rather's sowie Tom Brokaw's Abgang und nach 26 Jahren fast täglicher Bildschirm-Präsenz verließ Ted Koppel Dienstagnacht seinen angestammten Platz.

Er zollte der Zeit Tribut

Auch er zollte der Zeit Tribut: wenn Fernsehen jung, dynamisch und – oberflächlich sein soll, dann ohne ihn. Eine Genugtuung bleibt ihm freilich: seinen Job müssen gleich drei Moderatoren machen. Sie berichten in Zukunft aus Washington und New York.

Solchen Schnickschnack brauchte Koppel nie. Begonnen hatte seine Karriere im Herbst 1978 mit der Geiselnahme amerikanischer Diplomaten in Teheran. Als Korrespondent von ABC beim US-Außenministerium akkreditiert, lieferte Koppel jede Nacht eine Zusammenfassung der jüngsten Ereignisse – "America Held Hostage" wurde ein so großer medialer Erfolg, dass ABC beschloss, die Sendung auch nach dem Ende des Geiseldramas – es hatte immerhin mehr als ein Jahr gedauert – unter dem Namen "Nightline" fortzusetzen.

Während früher der Kalte Krieg im außenpolitischen Bereich Munition lieferte, war es zuletzt der Golf-Krieg, in dem Koppel hinter die Schlagzeilen leuchtete. So zog er sich vor einem Jahr den Zorn der Administration zu, als er die Bilder mit den Namen aller toten US-Soldaten über den Bildschirm laufen ließ.

Auch Österreich konnte sich einmal von Koppels exzellenter Fragetechnik überzeugen. Im Februar 1988 führte er ein ausführliches Gespräch mit Kurt Waldheim, das auch im ORF-"Inlandsreport" ausgestrahlt wurde. Koppel verblüffte den Bundespräsidenten damals, als er ihm fehlerfrei ein Zitat auf deutsch vorlas.

Waldheim-Interview

Was Waldheim nicht wusste: Koppels Eltern waren zu Beginn des Krieges aus Deutschland nach England geflüchtet, wo Ted 1940 zur Welt kam. Mit 13 übersiedelt die Familie in die USA. Ein weiteres Mal, im Jugoslawien-Krieg, kommt Koppel die Abstammung zugute: einen ehemaligen Gastarbeiter in Deutschland, dessen Haus zerbombt wurde, befragt Koppel auf deutsch – zu sehen in einem "Nightline Spezial", das eine Woche aus Bosnien ausgestrahlt wurde.

Vielleicht war es auch das Europäische in ihm, das ihn immer wieder Themen aufarbeiten ließ, die sonst in den TV-Nachrichten kaum ausführliche Sendezeit fanden: er berichtete vor Ort vom Konflikt im Kongo, brachte erstmals Palästinenser und Israelis gemeinsam vor die Kamera und mit 63 war er auch im Irak-Krieg an vorderster Front dabei. Jetzt outet er sich als sein schärfster Kritiker: "Ein Fiasko nach dem anderen," nennt er Bush's umstrittenen Feldzug. Auf "Nightline" wird man solche kritischen Äußerungen nicht mehr zu hören bekommen, aber in Pension geht Koppel nicht. Ein halbes Jahr Pause, und dann geht's wieder weiter. Wo, sagt er nicht, aber der "klügste Kopf im TV" ("Newsweek") findet sicher eine adäquate Nische. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.11.2005)

Der Autor Eugen Freund hat 1979 die ersten "Nighline"-Sendungen gesehen und hunderte danach.

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ABC News

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    Während früher der Kalte Krieg im außenpolitischen Bereich Munition lieferte, war es zuletzt der Golf-Krieg, in dem Koppel hinter die Schlagzeilen leuchtete.

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    Nach 26 Jahren fast täglicher Bildschirm-Präsenz verlässt Ted Koppel Dienstagnacht seinen angestammten Platz.

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