E.ON-Milliardenübernahme geplatzt

2. Dezember 2005, 18:50
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Deutscher Energiekonzern kritisiert "völlig unrealistische Preiserwartungen" von Scottish Power

Düsseldorf - Die Gespräche über die milliardenschwere Übernahme des britischen Versorgers Scottish Power durch den deutschen Energiekonzern E.ON sind am Preis gescheitert.

"Die Preiserwartungen von Scottish Power waren völlig unrealistisch", begründete ein E.ON-Sprecher am Dienstag in Düsseldorf den Abbruch der Gespräche. E.ON habe dem britischen Unternehmen 570 Pence je Aktie in bar abzüglich von Sonderausschüttungen angeboten. Damit lag das Angebot bei 10,7 Mrd. Pfund (rund 15,6 Mrd. Euro). Scottish Power habe E.ON mitgeteilt, "den Vorschlag nicht weiter verfolgen zu wollen". In Großbritannien waren Preise von mehr als 600 Pence für Scottish Power gehandelt worden. Eine feindliche Übernahme der Briten sieht E.ON skeptisch.

An der Börse wurde die Absage am Dienstag begrüßt: Die E.ON-Aktie notierte mit einem Plus von 2,2 Prozent bei 80,20 Euro. Die Papiere von Scottish Power brachen dagegen um acht Prozent auf 525 Pence ein. "Anleger hatten befürchtet, dass E.ON einen zu hohen Preis für Scottish Power bezahlen muss", begründete WestLB-Analyst Peter Wirtz das Kursplus. Fondsmanager Herbert Wertz von Generali Asset Management hätte dagegen auch 600 oder 620 Pence wegen der strategischen Bedeutung der Übernahme noch gerechtfertigt gesehen. "Ich glaube nicht, dass das das letzte Wort ist."

Kurseinbußen der schottischen Aktie

Der Abwärtstrend der Scottish-Power-Aktie konnte auch nicht durch die Ankündigung einer höheren Dividende durch Konzernchef Ian Russell gebremst werden.

E.ON verteidigte sein Kaufangebot als angemessen. "Wir sind überrascht und auch enttäuscht, dass Scottish Power auf unseren Vorschlag in dieser Weise reagiert hat", erklärte Konzernchef Wulf Bernotat. Er beharrte auf der Sinnhaftigkeit der Übernahme. Für den Zusammenschluss der E.ON-Aktivitäten in Großbritannien, vor allem Powergen, mit Scottish Power spreche eine überzeugende industrielle Logik. E.ON bezifferte den Wert der Offerte auf rund 11,3 Mrd. Pfund, gemessen am gesamten Eigenkapital von Scottish Power. Der Aktienkurs sei durch die Spekulationen auf eine Übernahme schon in den vergangenen Wochen deutlich in die Höhe getrieben worden.

Feindliche Übernahme nicht bevorzugt

E.ON hatte im September erklärt, eine Übernahme zu prüfen, sich aber nicht zu einem Angebot verpflichtet. Analysten hatten einen Zukauf begrüßt, da E.ON durch Scottish Power erhebliche Synergien in Großbritannien hätte heben können. Ein feindliches Angebot für Scottish Power sei nicht die "bevorzugte Option", betonte ein E.ON-Sprecher. "Solche Transaktionen sind komplex und brauchen grundsätzlich die volle Unterstützung der Zielgesellschaft." Auch Analysten halten einen solchen Versuch für unwahrscheinlich: "Ich glaube nicht an eine feindliche Übernahme. Das würde teuer und würde lang dauern, das lohnt sich nicht", sagte Karin Brinkmann von der HVB.

Die Marktexperten rätseln nun über neue Akquisitionsziele von Deutschlands Marktführer im Energiesektor. E.ON verfügt nach Berechnungen von Analysten über eine Kriegskasse zwischen 15 und 25 Mrd. Euro. "Die Frage ist, was machen sie jetzt. Bei Assets in ähnlicher Größenordnung ist die Auswahl nicht wirklich groß", sagte der Analyst einer Frankfurter Großbank. Ein Kauf des britischen Gaskonzerns Centrica, über die vor allem in Großbritannien immer wieder spekuliert wird, ist für Nils Machemehl von M.M. Warburg keine Option: "Das wird schon aus Wettbewerbsgründen nicht gehen."

Er sieht über kurz oder lang Übernahmemöglichkeiten in den Niederlanden und denkt dabei vor allem an die großen Versorger Nuon und Essent. E.ON-Chef Bernotat hatte vor kurzem betont, durch weitere Zukäufe im dortigen Strommarkt wachsen zu wollen. Neben Großbritannien gehören Osteuropa und Italien zu den erklärten Wachstumsmärkten von E.ON. In Italien hat der Konzern beschlossen, mit zwei Gas- und Dampfturbinenkraftwerken in die Stromerzeugung einzusteigen. (APA/Reuters)

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