"Man sollte seinen Traum nicht zurechtstutzen"

6. Juni 2006, 11:11
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"Wir sind Helden" haben es geschafft: Sie machen, was sie wollen - und das erfolgreich - Ein Interview mit Sängerin Judith Holofernes und Bassist Mark Tavassol

STANDARD: Seht ihr es als Aufgabe, mit eurer Musik Menschen aus dem Schlaf zu reißen und auf Probleme hinzuweisen?

Mark Tavassol: Wenn wir Leute mit unserer Musik wachrütteln, ist das natürlich nichts Schlechtes, aber es ist nicht etwas, das wir aktiv betreiben. Man darf Musik nicht als aufdringliche Kunst begreifen.

STANDARD: In den Kritiken zu eurem zweiten Album wird oft behauptet, "Wir sind Helden" hätten ihren Biss verloren . . .

Judith Holofernes: Das geht mir komplett am Arsch vorbei (lacht). Wir schreiben über das, was uns interessiert - das haben wir schon immer getan. Es ist schön, mit bissigen Texten Leute zu erreichen, aber ich sehe uns als eine Band, die sich für alles begeistert, was mit dem Leben zu tun hat.

Mark: Wenn man eine Platte aufnimmt, dann ist das ein Ausschnitt dessen, was einem in dieser Zeit durch den Kopf geht. Das heißt nicht, dass andere Themen nicht mehr da sind. Man muss sich nicht immer wiederholen.

STANDARD: Ihr seid in den letzten Jahren sehr präsent gewesen in den Medien. Was ist die größte Lüge, die über euch veröffentlicht wurde?

Judith: Wir haben uns immer von Boulevardmedien fern gehalten, was ein Segen ist. Einmal hat eine deutsche Celebrity-Zeitschrift ein Bild von mir mit enorm teuren Schuhen veröffentlicht, die ich nie kaufen würde. Dabei war das angebliche Zitat von mir: "Ich trage diese Schuhe, weil sie mich an Wendy und Reitstunden erinnern", also wirklich der letzte Schwachsinn. Im Nachhinein hieß es, sie hätten das Foto verwechselt.

STANDARD: Was denkt ihr über die rebellierenden Jugendlichen in Frankreich?

Mark: Dass die Vorstädte Frankreichs mitten in Europa ihre Wut entladen, kann, so traurig es klingen mag, Gutes haben. Andere Länder sehen das vielleicht als Warnung.

Judith: Frankreich ist selbstzufrieden, so wie andere Länder auch, und das geht irgendwann nach hinten los.

STANDARD: Wie in der Bildungspolitik. Was geht da schief?

Mark: Als ich klein war, haben mir meine Lehrer immer ganz stolz erzählt, dass bei uns jeder umsonst zur Schule gehen und studieren kann. Wenn jemand 25 Semester studiert und ein anderer deshalb keinen Studienplatz bekommt, kann ich das als diskussionswürdiges Problem akzeptieren. Eine pauschale Reaktion wie Studiengebühren einzuführen kann aber ganz schön in die Biografie einzelner Menschen einschlagen.

STANDARD: Was ist der Hintergedanke bei der Textpassage "Ich werde mein Leben lang üben, dich so zu lieben, wie ich dich lieben will, wenn du gehst"?

Judith: Es geht darin um ein hohes Ideal von Liebe, um das Ideal, jemanden lieben zu können und ihn am Ende doch gehen zu lassen; dass man die Liebe als Übungsweg sieht und sich nur das verspricht, was man versprechen kann.

STANDARD: Wie lebt es sich so als "Held"?

Judith: Ich find's super. Es ist einfach ein Traum, dass dein Beruf darin besteht, mit 14 netten Leuten permanent auf Klassenfahrt zu sein. Es ist ein strapaziöses Leben, bekannt zu sein ist nicht nur leicht. Die Leute, die uns ansprechen sind immer sehr nett und unhysterisch. Wir haben wenig quiekendes Teenagervolk an unseren Rockschößen. Trotzdem ist es an Tagen, wo man müde oder schüchtern ist, schwierig, wenn sich alle für einen interessieren. Man wirkt dann gleich arrogant, wenn man wen stehen lässt.

STANDARD: Was würdet ihr Musikern raten, die ihren Traum verwirklichen wollen?

Judith: Dass sie sich möglichst früh unabhängig machen von den Erwartungen anderer. Man sollte seinen Traum nicht zurechtstutzen, weil man denkt, dass man dann eine größere Chance auf Verwirklichung hat. Wenn man sein Ziel erreicht hat, liegt die einzige Möglichkeit, glücklich zu werden, darin, dass man genau das macht, was man wollte. Sonst ist man erfolgreich mit etwas, das man selbst nicht besonders gut findet.

STANDARD: Wann darf man auf das nächste Album hoffen?

Mark: Also für's dritte Album haben wir uns fest vorgenommen . . .

Judith: . . . eines zu machen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.11.2005)

Das Interview führten Julia Wurm und Stephanie Haselsteiner

Zur Person

Judith Holofernes (29), geb. in Berlin, hört gern Interpol, Jack Johnson, Feist, dEUS, Motown, Tomte, Kettcar, Elvis Costello.

Mark Tavassol (31), geb. in Bre- men, lebte als Kind sechs Jahre in Teheran und ist nicht nur Bassist, sondern auch Arzt.

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