"Gewisse Nachlaufwirkung"

21. November 2005, 22:24
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Wolfgang Stelzmüller, Chef der Pädagogik-Sektion im Unterrichtsministerium, erläutert, was aus Schulversuchen wird - und was sie für das Schulsystem bedeuten

STANDARD: Wie viele Lehrpläne gibt es überhaupt in Österreich?

Stelzmüller: Genau kann ich das gar nicht sagen - aber es sind tausende allein im Berufsbildenen Schulwesen. Das ist bedingt allein in den fachspezifischen Bereichen.

STANDARD: Also in jenem Bereich, in dem sich die Erkenntnisse und Anforderungen rasch ändern?

Stelzmüller: Lehrpläne haben eine gewisse Nachlaufwirkung, wir leben in einer schnelllebigen Zeit, wo es die Notwendigkeit gibt, sich rasch anzupassen. Und bevor man ein Produkt in Serie gibt, macht man einen Pilotversuch . . .

STANDARD: . . . was dann eben Schulversuch heißt . . .

Stelzmüller: Alle - oder wenigstens fast alle - Lehrpläne fußen auf einem Schulversuch, bei dem man Änderungen erst erprobt.

STANDARD: Wobei es in unterschiedlichen Gegenständen wahrscheinlich einen unterschiedlich großen Erprobungsbedarf gibt?

Stelzmüller: Wenn ich zum Beispiel Latein hernehme, da wird es wahrscheinlich weniger Innovation geben. Obwohl es Sie wahrscheinlich überraschen würde, dass auch hier Initiativen gesetzt wurden, vor allem im Zusammenhang mit E-Learning-Produkten, von denen man sich anfangs gar nicht vorstellen konnte, dass man sie gerade in diesem Bereich einsetzen würde.

STANDARD: Wie viele Schulversuche gibt es eigentlich?

Stelzmüller: Das ist durch die Schulautonomie etwas zurückgegangen. Derzeit gibt es Schulversuche an 486 von 6000 Schulen - da nehmen 60.000 Schüler teil.

STANDARD: Eine beachtliche Zahl von "Versuchskaninchen". Ist das nicht ein häufig geäußertes Bedenken von Eltern, dass ihre Kinder einem pädagogischen Versuch mit ungewissem Ausgang ausgesetzt werden?

Stelzmüller: Die Vorgaben für die Zulassung eines Schulversuchs sind strikt: Es müssen zwei Drittel der Erziehungsberechtigten und zwei Drittel der Lehrer, die das in der Klasse erproben, einverstanden sein. Das verhindert, dass Schüler als so genannte Versuchskaninchen verwendet werden

STANDARD: Gibt es Schulversuche, die gescheitert sind?

Stelzmüller: Scheitern ist vielleicht der falsche Ausdruck. Es gibt sicher welche, wo man nach einem Jahr sieht, dass man das besser und effizienter machen kann - das ist ja der Sinn einer Erprobungsphase. Da wird dann eben aus dem einen Schulversuch ein anderer Schulversuch.

STANDARD: Und welcher Schulversuch war der erfolgreichste? Stelzmüller: Der erfolgreichste war die Integration von behinderten Kindern. (DER STANDARD-Printausgabe, 22.11.2005)

ZUR PERSON:

Sektionschef Wolfgang Stelz- müller (56) leitet die Sektion V des BMWBK. Sein Hobby ist Rallyefahren.

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