Volkskrankheit Depression: Die Seele leidet auch "körperlich"

28. November 2005, 13:56
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Zahl der Betroffenen nimmt immer mehr zu - Licht als psychisches Lebenselixier bei saisonabhängigen Krankheitsformen

Wien - Ein buchstäblich "unglücklicher" Trend: Depressionen sind eine echte Volkskrankheit und werden immer häufiger. "Nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen und den Magen-Darm-Leiden liegt die Depression bei der weltweiten Häufigkeit derzeit an dritter Stelle aller Erkrankungen. Bald wird sie an die zweite Stelle rücken", warnte jetzt Univ.-Prof. Dr. Siegfried Kasper, Leiter der Klinischen Abteilung für Allgemeine Psychiatrie am Wiener AKH und Präsident der Weltföderation der Gesellschaften für Biologische Psychiatrie.

Vor wenigen Tagen fand in Wien die Jahrestagung der österreichischen Zweiggesellschaft der Föderation statt. Dabei wurde unter anderem ein Expertenpapier zum Thema Suizidalität präsentiert. Hinter 90 Prozent aller Selbstmorde steckt eine psychiatrische Erkrankung, die Hälfte davon Depressionen. Die weltweiten Daten: Insgesamt muss davon ausgegangen werden, das 17 Prozent aller Menschen zumindest ein Mal im Leben an "krankhafter Traurigkeit" leiden. Ein Drittel davon hat leichte Symptome. 15 bis 20 Prozent der Menschen mit Depressionen versterben durch Suizid. Laut Umfragen bei praktischen Ärzten sind bis zu 25 Prozent ihrer Patienten von dem quälenden Leiden betroffen.

Keine Schichtabhängigkeit

Kasper: "Sehr konservative Schätzungen sprechen von fünf bis acht Prozent. Zu einem bestimmten Zeitpunkt sind etwa fünf Prozent der Menschen betroffen." Der geringe Unterschied zwischen den beiden Zahlen lässt sich daraus erklären, dass es sich bei der "major depression" als internationaler Fachbegriff um ein Leiden handelt, das zumeist über einen längeren Zeitraum hinweg besteht. Die Depression ist auch ein "Gleichmacher". Der Psychiater, der sich seit Jahrzehnten mit dem Problem beschäftigt: "Es gibt keine Schichtabhängigkeit". Noch gefährlicher als die "major depression" sind offenbar Erkrankungsformen, bei denen die Betroffenen jeweils nur wenige Tage an den Symptomen leiden, dafür aber mehrfach im Jahr. Hier liegt die Suizid-Häufigkeit noch eineinhalb Mal höher.

Wie groß das Problem ist, zeigen Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO. Psychiatrische Erkrankungen sind weltweit die häufigste Ursache für Erwerbsunfähigkeit. Mit einem Anteil von fast elf Prozent liegen bei allen diesen Ursachen die Depressionen an der Spitze. Eisenmangel-Anämie (4,7 Prozent), Stürze (4,6 Prozent) und Alkoholmissbrauch (3,3 Prozent) folgen.

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Das macht eine klassische Depression aus:

  • Gedrückte Stimmung
  • Interessens- und Freudlosigkeit
  • Antriebsstörung, Müdigkeit

    Zumindest zwei dieser Symptome sollten zwei Wochen lang vorliegen. Aus der Reihe der Nebensymptome wie verminderte Konzentrationsfähigkeit und Selbstwertgefühl, Schuldgefühlen, Hemmung/Unruhe, Selbstschädigung (auch Substanzmissbrauch), Schlafstörungen und Appetitminderung sollten noch zwei bis vier zutreffen. Kasper: "Die Seele leidet sozusagen nicht nur psychisch, sondern auch körperlich."

    Auch saisonabhängige Krankheitsformen

    Eine spezielle Form der Erkrankung stellen die saisonabhängigen Depressionen dar: Wenn der Herbst ganz traurig macht - mindestens fünf Prozent der Österreicher leiden in der dunklen Jahreszeit an Depressionen.

    "Je weiter man auf dem Erdball nördlich kommt, desto häufiger wird die Herbst- und Winterdepression. Das haben Studien in den USA und in Japan eindeutig ergeben. Manche Betroffene beginnen daran bereits mit Anfang September zu leiden. Wirklich relevant wird das dann im Oktober und November", erklärte Univ.-Prof. Dr. Siegfried Kasper.

    Im Vergleich zu anderen Formen depressiver Zustände weist die Herbst- und Winderdepression einige Spezifika auf:

  • Das saisonal gehäufte Auftreten.
  • Am Morgen sind die Betroffenen noch "gut drauf", je länger der Tag ist, desto schlechter geht es den Patienten. Am Abend heißt es dann: "Ich kann nicht mehr."
  • Während Patienten, die an anderen Formen von Depressionen leiden, als Hauptsymptom auch Schlafstörungen haben, sind die Betroffenen der Herbst- und Winterdepression kaum "schlaflos". Doch sie wachen oft in der Früh auf - und sind einfach trotz genug Schlaf nicht "munter".
  • Menschen mit Herbst- und Winterdepressionen können auch an Heißhungerattacken leiden.

    Das größte Problem bei den depressiven Zustandsbildern: Die Symptome müssen erkannt, die Krankheit vom Arzt diagnostiziert und dann auch behandelt werden. Stummes Leiden - im Grunde ein Charakteristikum dieser Störungen - führt erst recht zu einer als quälend empfundenen Lebenssituation. Durchhalteparolen wie "Kopf hoch" etc. sind fehl am Platz. Mit modernen Antidepressiva lässt sich das Leiden zum überwiegenden Teil gut in den Griff bekommen. Bei der "Winterdepression" hilft oft genau so gut eine Lichttherapie.

    Teufelkreis Alkohol

    Keinesfalls aber sollten Depressionen selbst - und wie es oft geschieht mit Alkohol - behandelt werden. 330.000 Österreicher sind alkoholkrank, 870.000 alkoholgefährdet. Bis zu 85 Prozent davon haben auch Depressionen. Alkohol und Depression ergeben einen Teufelskreis: Alkohol ist in kleinen Dosen Angst lösend, in höheren allerdings schlägt seine Wirkung paradoxerweise ins Gegenteil um. So werden Angst und Depressionen nur noch verstärkt, und die Betroffenen rutschen auch noch in eine Substanzabhängigkeit hinein. Alkohol(missbrauch) führt auch zu einer wesentlich erhöhten Suizidgefährdung und setzt die Wirkung von Antidepressiva herab. (APA)

  • Links

    Depression
    (Netdoktor.at)

    Depression.at

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