Bilder von den Mühen der Ebene

27. März 2008, 17:57
1 Posting

Matthias Cremer geht auch an harte Reportagen mit der unspektakulären Gelassenheit eines Chronisten heran

Cartier-Bresson-Fans sind viele. Aber nur wenige hätten sich getraut, den legendären Fotografen auf gut Glück aufzusuchen, nur weil er gerade wegen einer Ausstellung in Wien war. Der damals 27-jährige Matthias Cremer hat sich getraut. "Er hat nett mit mir geplaudert, und nach einer Widmung hat er mir noch einen Buchtipp gegeben: Zen und die Kunst des Bogenschießens." Wenn man Cremers Fotos sieht, dann ist seine Affinität zu Cartier-Bresson ebenso nachvollziehbar wie seine frühe Bewunderung für die Reportagen von Erich Lessing und Werner Bischof.

Fotos über den Augenblick hinaus

"Und mein Einstieg war überhaupt ein Buch voller Magnum-Bilder: Kinder aus aller Welt." Fotos über den Augenblick hinaus, für längeres Verweilen und Sich-nicht-satt-Sehen, vielleicht gar zwischen Buchdeckeln: Das klingt nicht gerade nach Zeitungsfotografie. Und Matthias Cremer ist in diesem Sinn auch kein rasender Kamera-Reporter und trotzdem bzw. gerade deswegen nicht untypisch für den STANDARD. "Mein Einstieg war die Kunstfotografie", sagt er, "und meine ersten Anstöße unser Zeichenlehrer, mit dem wir fotografieren gegangen sind, und mein Großvater, der mir eine Spiegelreflex geschenkt hat."

Nach einigen Ausstellungen "in ganz kleinen Klubs" stand der Berufswunsch fest. "Dann hab ich naiverweise gedacht, ich brauche eine Ausbildung. Das war dann eh nicht so naiv, weil ich bei Lessing auf der Angewandten viel gelernt habe." Ungefähr zeitgleich steckte er sein Terrain an zwei entgegengesetzten Foto-Polen ab: zum einen ein Bildband über den Donaukanal, der prompt in Österreich und auf der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde; zum anderen ein Auftritt im Time Magazine, "eine Doppelseite über Waldheim, die mir zu Ruhm und Ehre verholfen hat". So wie bei Thomas Bernhard am Graben, den damals alle wegen Holzfällen gesucht haben, hat er zum richtigen Zeitpunkt abgedrückt. Cartier-Bresson, schau oba.

Unaufgeregt unterwegs

Mit dem Buch ist er zum STANDARD gegangen, kaum dass er von dessen geplanter Existenz erfahren hat, ist engagiert worden und bis heute geblieben. Was sind in der Zeitung die Highlights für ihn? "Wenn in der täglichen Arbeit ein Foto durch alle Filter durchkommt, durch die Einwände von Redakteuren, vorbei an den Schnitten der Layouter, und wirklich erscheint – das ist das Befriedigendste!"

Auf der Suche nach solchen Bildern ist er ungerührt und unaufgeregt unterwegs, von Sportereignis bis Spaßgesellschaft, von Grenzöffnungen bis Gaddafi. Mit Letzterem wird er gelegentlich verwechselt, wenn er, Matthias, wieder mal seine beige Armeeweste anhat und lange – aber nicht zu lange – nicht beim Friseur war.

Was er nicht mag: "Dass die Qualität von Magnum-Bildern immer mehr einem Drängen nach World Press Photo Awards gewichen ist. Das sind für mich die schlimmen Aspekte der Fotografie, diese geballten Ladungen von den furchtbaren Seiten der Welt, das sieht aus wie ein Wettbewerb der Schrecklichkeiten." Die Arbeit in der Zeitung mag er, auch wenn sie ruppiger geworden ist, "weil in der Fotoredaktion und im Archiv Leute arbeiten, die wissen, was gute Bilder sind". Nämlich was? "Solche, die imstande sind, auch leiser zu erzählen. Die Mühen der Ebene sind mir wichtiger als das vordergründig Spektakuläre. Deswegen bin ich ja beim STANDARD." (Michael Freund/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.10.2004)

Zur Person

Matthias Cremer, geboren 1956 in Wien. Erste Fotos als 16-Jähriger. Autodidakt bis auf ein Jahr (1983) Gaststudent bei einem Seminar von Erich Lessing auf der Angewandten. 1985 Stipendium der Stadt Wien. Bis 1988 freiberuflich (u.a. "Falter", "Profil", "Wiener", "Wien aktuell"), seit 1988 beim STANDARD, 1994-2003 Leitung der Fotoredaktion. 1992 APA-Fotopreis.

  • Artikelbild
    foto: regine hendrich
Share if you care.