Etwas Warmes braucht der Mensch

21. November 2005, 19:41
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Drei Orchesterkonzerte im Wiener Musikverein und Konzerthaus

Wien - Ab jetzt also wieder: kalt, nass und dunkel. Winterreifen, Wärmelampe, Erkältungsbad. Vanillekipferln, Maroni, Glühwein. In den Fußgängerzonen unruhig hin und her wandern, wenn die Weihnachtseinkaufstätigen bummeln - wie zum Beispiel am Graben, unter der bizarrsten Beleuchtung der Welt.

Wärmen Wein und Schein nur unzureichend, geht man ins Konzert. Im Musikverein etwa, beim Philharmonischen Abonnementkonzert, wird Bruckners Neunte gegeben. Keine unmittelbare musikalische Wärmequelle, zugegeben: ein Werk, das man mehr bestaunt, achtet, fürchtet, als dass man es genießt.

Der unvollendet gebliebene symphonische Großbau ist ein Glaubensbekenntnis in Tönen; und da Gott dem romantischen Tonschöpfer Bruckner eine feste Burg war, ist die Neunte zur imposanten Klangfestung geraten, mit von Blech bewehrten Zinnen der Allmacht, aber auch mit einigen streicherstreichelwarmen Wohnzimmern des Menschlichen.

Fachkräftig bauen die Wiener Philharmoniker unter der nicht immer zielsicheren Leitung Seiji Ozawas an dem Werk, mit Bedächtigkeit, Versiertheit und Verve. Das angeschlossene Te Deum (mit kolossaler Kraft: der Wiener Singverein) kann kaum mehr als Musik empfunden werden, ist eher Monument: ein Triumphbogen für eine totalitäre Idee des Göttlichen.

Sanfter, bedächtiger und balsamischer die Töne, die nur wenig später im Wiener Konzerthaus angeschlagen werden. Geiger Frank Peter Zimmermann spielt Beethovens Violinkonzert so, dass neben den vielen klaren, maßvollen und gut erzogenen Tönen auch die Formulierung "Achtung, Klassik!" im Ohr klingt.

Kraftvolle Effekte

Mit einer stilsicheren Mischung aus Zurückhaltung und Zünftigkeit musizieren die Wiener Symphoniker. Heinrich Schiff leitet das Orchester mit einer fallweise etwas pauschal-schwammigen Zeichengebung, und doch fallen die künstlerischen Ergebnisse - wie etwa bei den Auszügen aus den zwei Romeo und Julia-Suiten Sergej Prokofjews - kraftvoll, prägnant gezeichnet und durchaus überzeugend aus.

Dirigent Esa-Pekka Salonen darf sich der Leser als optischen Mittelwert aus Bryan Ferry und Morten Harket vorstellen. Wenn dem finnischen Orchesterleiter irgendetwas fremd ist, dann mangelnde Präzision - auch wenn der Mittvierziger das Blitzschnell-Exakte in seiner Dirigiersprache immer mit dem Idiom des Lässig-Schlenkernden zu durchmischen weiß.

Nach einem superkorrekt, wenn auch etwas unbeseelt gegebenen Mussorgski (Eine Nacht auf dem kahlen Berge) und einem Bartók (Mandarin-Suite) hebt das unerhört durchhörbar musizierende Philharmonia Orchestra aus London mit Strawinskis Feuervogel in die Regionen künstlerischer Einzigartigkeit ab. Der Streicherbalsam von Maurice Ravels Feengarten bildet abschließend eine wirksame Schutzschicht gegen alle Kälte dieser Welt. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.11.2005)

Von Stefan Ender
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