Ein neues Format der Choreografie

21. November 2005, 20:13
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"Mouvements für Lachenmann" von Xavier Le Roy im Wiener Tanzquartier

Wien - In Österreich werden manchmal große Erfindungen gemacht oder ermöglicht, deren richtige Einschätzung dann zu spät oder gar nicht erfolgt. Der Konzertchoreografie - als radikaler Counterperformance zu Videoclip und Bühnenshow im Pop-Genre - soll das nicht passieren. Ihr Konstrukteur ist Xavier Le Roy, Mastermind des Konzeptualismus, vor etwa 15 Jahren vom Wissenschaftler zum Künstler konvertiert.

Bei Wien Modern kann Le Roy mit seinem jüngsten Werk, Mouvements für Lachenmann (Produktion: Wiener Taschenoper), im Tanzquartier Wien berits zum zweiten Mal zeigen, wie sein Format funktioniert. Wer den Erstversuch, das "Theater der Wiederholungen", beim steirischen herbst noch als Unikum bestaunte, lernt jetzt dazu.

Hat sich doch im Vorjahr auch Choreografenkollege Jérôme Bel auf dieses Terrain begeben - bei Wien Modern mit "John Cage. A Project by Jérôme Bel", in dem Werke des Avantgardisten choreografisch inszeniert wurden. Jetzt formuliert Le Roy die neue Idee weiter. Drei Werke von Lachenmann liegen seiner Konzertchoreografie zugrunde: der Schattentanz Nr. 7 aus Ein Kinderspiel, Salut für Caudwell und Mouvement (- vor der Erstarrung).

Während bei "Theater der Wiederholungen" noch Performer und Perücken zur Unterstreichung herhielten, konzentriert sich der Choreograf jetzt ganz auf die Musiker und den Ort. Die Halle G im Museumsquartier wird zum schwarzen Theater, aus dessen unvollständig geöffneten Vorhängen erst ein klingender Bösendorfer rollt. Sodann führt der zuvor versteckt gebliebene Pianist mit diesem Klavier ein Defilee aus.

Zum Dritten bleibt der Spieler sichtbar, und das Instrument wird verborgen. Dieser "Schattentanz" des Verdeckens und Vorzeigens spitzt sich bei Salut für Caudwell noch zu. Hier werden zwei Gitarristen hinter Paravents platziert, vor denen Doubles sitzen, die als Luftklampfenzupfer vorführen, was unsichtbar live intoniert wird.

Mouvement schließlich spielt das Kammerensemble Neue Musik Berlin ohne Instrumente als eine stumme Choreografie aller Informationen, die die Interpreten von Lachenmanns Werk gespeichert haben. Deren innere Musik überträgt sich auf ihre Bewegungen, die über die Nachahmung der Spiel-"Handgriffe" weit hinausgehen: Das ist Tanz. Als "Bonus-Track" gab es dann eine Aufführung von Mouvement - zwecks Vergleich. (ploe/DER STANDARD, Printausgabe, 22.11.2005)

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    © taschenoper/baltzer
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