Orte des Zaghaften

21. November 2005, 19:37
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Ein Abend der Mittelmäßigkeit an der Volksoper: Die Uraufführung von "Tschaikowski Impressionen" als Einstand des neuen Balletts der Wiener Staatsoper und der Volksoper

Wien - Der Kracher kommt am Ende, wenn Tschaikowski aus dem Kostüm des Santa Claus steigt und nicht ohne Getragenheit spricht: "Man hat versucht, mich zu töten. Aber nun weiß ich, nicht nur der Weihnachtsmann ist unsterblich!" Vorhang. Applaus.

Die erste Premiere des neuen "Balletts der Wiener Staatsoper und Volksoper" im Haus am Gürtel ist Tschaikowski Impressionen des Choreografen Ivan Cavallari. Dieses Stück teilt mehr mit, als sein 40-jähriger Schöpfer hineingelegt hat: Die zur Zeit populärste Abart des Balletts hat die Vergangenheit verlassen und ist nie in der Gegenwart angekommen.

So hat es seinen Ort und seine Identität verloren und holpert in diesem "Atopos" unbeholfen auf Stadttheaterniveau dahin: eingeklemmt zwischen dem klassischen Repertoire, das heute nur noch von Spezialisten (wie dem Moskauer Bolschoi) richtig aufgeführt werden kann, und dem wirklich zeitgenössischen Ballett eines William Forsythe.

Das atopische Ballett à la Cavallari verbindet einen Aufhänger, also Tschaikowski, mit einer Anrüchigkeit, hier der Spekulation um einen erzwungenen Selbstmord. Zu diesem Gran Crime muss auch noch ein Alzerl Sex dazu, hier ist es Homosexualität nebst platonischem Geschmalze mit einer Gönnerin. Alsdann Romantik: das Romeo-und-Julia-Thema wird untergerührt.

Und am Ende die "aktuelle" Verklammerung: Boy and Girl aus unserm Chips'n'Coke-Zeitalter flirten in einem Chatroom, werden von bösem Computervirus sabotiert. Aber, Happyend, das Virus wird gekillt, und einmal werden sie noch wach, dann wollen sie sich endlich treffen.

Nachts kommt Santa Rauschebart, legt ihnen ein Packerl auf die Tische, entpuppt sich (siehe oben!) - und fertig ist das Weihnachtsstück. Hier wird wahr, was der neue Ballettboss, Gyula Harangozó, angekündigt hat: In der Volksoper werde es moderne Stücke plus Ballett für die ganze Familie geben. "Tschaikowski Impressionen" bringt beides günstig im Doppelpack.

Die Sensation bleibt aus, wie immer im atopischen Ballett zwischen Vladimir Angelov und Renato Zanella, das ja ästhetisch schmiegsam produziert wird. Die Tragik dabei: Ein bisserl "modern" sein funktioniert im Tanz nicht - dann schon besser Museum. Aber das verlangt eine wenigstens 200 exzellente Tänzer starke Compagnie und eine konsequente Leitung.

Direktor Harangozó wird das wahrscheinlich nicht schaffen. Und ein grundlegend zeitgenössischer Weg wird in Wien nicht gerade herbeigefleht. Mit diesem Einstand hat das Ballett sozusagen Josefstadttheater-Qualitäten bewiesen. Vom Niveau großer Compagnien (etwa: Ballett der Pariser Oper) ist es weiter entfernt als je zuvor. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.11.2005)

Von Helmut Ploebst
  • Die Ideen von Ivan Cavallari haben die Vergangenheit verlassen, sind aber nie in der Gegenwart angekommen.
    foto: volksoper/dimov

    Die Ideen von Ivan Cavallari haben die Vergangenheit verlassen, sind aber nie in der Gegenwart angekommen.

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    foto: volksoper/dimov
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