Keine Kaffeefahrt ins Paradies

22. November 2005, 20:37
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Rapid darf in der Allianz-Arena kicken - Bayern München-Trainer Felix Magath hofft auf eine Verbesserung der Tor-Differenz

München/Wien- Felix Magath sagt dieser Tage oft "Wien". Den durchaus geläufigen Vornamen "Rapid" lässt der Bayern-Trainer meist weg, weshalb, darüber könnten Tiefenpsychologen, sofern sie nichts Gescheiteres vorhaben, streiten. Es hört sich jedenfalls so an: "Wir müssen nicht nur gewinnen gegen Wien, sondern auch das eine oder andere Tor erzielen." "Ein früher Treffer wäre gut, weil die Moral von Wien nicht so gut sein wird." "Für Wien ist die Champions League gelaufen." "Wien kann sich nicht einmal für den UEFA-Cup qualifizieren." Magath meint aber auch: "Wir haben Respekt vor Wien, sie sind auswärts stärker." Und ihm rutschte dann tatsächlich ein "Rapid" raus. "In Wien, als wir 1:0 siegten, hatte Rapid Pech."

München kann man von Wien aus mit dem Bus erreichen. Die Wiener wählten dieses altbackene, aber doch zuverlässige Verkehrsmittel, alle anderen Champions-League-Gegner der Bayern, bisher 51, kamen per Flugzeug angereist. Deutsche Medien sprechen, besonders witzig, von einer Kaffeefahrt - eine Gemeinheit, denn kein einziger Rapidler hat sich eine Heizdecke aufschwatzen lassen. Was die Bayern erstens nicht wissen und was sie zweitens auch kaum interessiert, ist das Faktum, dass die Wiener nach der Champions League Seefeld ansteuern, um sich auf das Match am Samstag gegen Wacker Tirol vorzubereiten.

Magath irrte insofern, als Rapid mit der eigenen Moral nicht das geringste Problem haben dürfte. Andreas Ivanschitz sagte gestern "geil", als er die mindestens so schmucke wie hypermoderne Allianz-Arena betreten durfte, um das Abschlusstraining zu absolvieren. Heute, ab 20:45 Uhr, steigt vor 66.000 Zuschauern eine jener Partien, "auf die man in seinem Fußballerleben wartet. Da gibt man mehr als 100 Prozent." Ihm, Ivanschitz, sei die Lust an der Champions League auch nach vier Niederlagen nicht im Geringsten abhanden gekommen. "Es gibt nichts Schöneres, als sich mit der Weltklasse zu messen. Auch wenn es kaum originell klingt, wir haben nichts zu verlieren. Rapid ist jederzeit für eine Sensation zu haben."

Nicht zu offensiv

Verteidiger Andreas Dober ist gesperrt, Trainer Josef Hickersberger bietet György Korsos auf. Peter Hlinka soll im Mittelfeld aufräumen, Sebastian Martinez muss weichen, Muhammet Akagünduz und Marek Kincl stürmen, sie versuchen es zumindest. "Man sollte in München niemals zu offensiv sein", witzelte Hickersberger, der darauf hofft, "dass wir die erste halbe Stunde unbeschadet überstehen - und den Rest auch."

Die Bayern, die in der Allianz-Arena von acht Pflichtspielen genau acht gewonnen haben (Torverhältnis 19:2), werden wohl die verletzten Michael Ballack und Ze Roberto vorgeben müssen: "Wir sagen immer, wir haben 23 fast gleichwertige Spieler. Dann werden wir doch nicht weinen, wenn ein oder zwei ausfallen", sprach Magath. Und er erwähnte "Rapid" schon wieder nicht.(Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe 22. November 2005)

  • Rapid beim Training in der Arena.

    Rapid beim Training in der Arena.

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