Das Tabu "Vielehe" wird zum Thema

27. November 2005, 22:31
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Politiker machen Verwahrlosung von Kindern aus polygamen Großfamilien für Krawalle verantwortlich

Die sehr französische Debatte begann wieder einmal in ausländischen Medien. Die bekannte Russland-Expertin Hélène Carrère d'Encausse erklärte einer Moskauer TV-Station, in Paris seien viele Jugendliche auf der Straße, weil sich ihre polygamen Eltern nicht um mehrere Dutzend Kinder kümmern könnten.

"Paris ist doch kein afrikanisches Dorf", fügte das Mitglied der Académie Française an – und ihre Aussagen sprachen sich schnell auch in Frankreich herum. Dann meinte Vize-Arbeitsminister Gérard Larcher, die Vielehe sei "ein möglicher Grund" für die Krawalle. Der Fraktionschef der bürgerlichen UMP, Bernard Accoyer, fügte an, Polygamie sei verboten. Die Sozialisten warfen der Rechten sogleich vor, mit einem komplexen oder gar rassistisch verbrämten Thema bei rechtsextremen Wählern zu fischen.

Tatsache ist, dass das lange verdrängte Phänomen der Vielehe mit einem Mal öffentliches Interesse findet. Auch im Sommer und Frühherbst, als in Paris mehrere Armenhotels ausbrannten und mehrere Dutzend Afrikaner starben, blieb das Thema tabu – obwohl sich zeigte, dass in einer dieser Elendsstätten an die hundert Kinder, zwei Dutzend Mütter und nur eine Hand voll Ehemänner lebten. Sozialvereine schätzen die Zahl polygamer Familien in Frankreich auf 20.000 bis 30.000. Dies würde bedeuten, dass mehr als 300.000 Kinder in solchen Vielehen leben. Das Gesetz bedroht diese Großfamilien mit einem Jahr Haft sowie Geldstrafen bis zu 45.000 Euro. Angewendet wird das Gesetz aber fast nie.

Die Polizei- und Zollbehörden versuchen seit Langem, die Bildung polygamer Familien zu verhindern. Seit 1993 stellt Frankreich nur noch einer einzigen Gattin ein Visum aus. Sozialhelferinnen halten Afrikanerinnen an, den gemeinsamen Haushalt zu verlassen. Sie vermitteln ihnen neue Adressen und Sperrkonten, damit ihre Männer die Kinderzulagen nicht mehr allein einstreichen können.

Keine Ideallösung Gewiss ist das Alleinerziehen der meist zahlreichen Kinder auch keine Ideallösung. Aber diese "décohabitation" – so der Behördenjargon – ist für viele Frauen immer noch besser als die manchmal sklavenhafte Abhängigkeit von einem "rotierenden" Familienoberhaupt.

Für die Kinder ändert sich durch das Verlassen der Großfamilie meist nur wenig: Sie haben ihren Vater oft nur selten gesehen. Deshalb stellen selbst liberalkonservative Politiker die ganze Polygamie- Debatte infrage. Der Bürgermeister des Pariser Vorortes Drancy, Jean-Christophe Lagarde, hält es für verfehlt, die Krawalle auf den Missstand zurückzuführen: "Was diesen Jugendlichen fehlt, ist generell die elterliche Autorität, und das kommt in Familien mit einem Elternteil noch häufiger vor als in polygamen." (DER STANDARD, Printausgabe, 22.11.2005)

Von Stefan Brändle aus Paris
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