Bleifrei in den Elektronikhimmel

27. November 2005, 19:05
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Wenn ab 1. Juli 2006 Elektro- und Elektronik- geräte keine giftigen Substanzen mehr enthalten dürfen, könnte es zu Einbußen bei der Haltbarkeit kommen, meinen Experten. Besonders bei der Umstellung auf bleifreies Löten gibt es noch wenige Erfahrungswerte

Ob Handy, Computer oder Mikrowelle - künftig sollen elektrische und elektronische Geräte keine Elemente enthalten, die nach der Entsorgung Umwelt und Gesundheit schädigen können. Grund dafür ist eine Verordnung der EU, die den Namen RoHS (Restriction of the use of certain hazardous substances in electrical and electronic equipment) trägt und ab 1. Juli 2006 verbie- tet, Geräte, die bestimmte Schwermetalle und Flammenhemmer enthalten, in Umlauf zu bringen.

Betroffen sind Kadmium, Quecksilber, sechswertiges Chrom, polybrombierte Biphenyle und Diphenyläther sowie Blei - Substanzen, die durchgängig in Kommunikations- und Haushaltsgeräten enthalten sind.

Für Hersteller bedeutet das eine Umstellung der Produktionsprozesse vom Einkauf bis zum Design, für Händler die Anforderung sicherzustellen, dass die zugelieferten Produkte auch wirklich schadstofffrei sind. Doch welche Konsequenzen sind für die Konsumenten zu erwarten? Abgesehen davon, dass es aufgrund der Umstellungskosten zu Preiserhöhungen kommen kann, stellt sich die Frage, ob alternative Stoffe genauso zuverlässig sind wie die bisher verwendeten.

Problem Blei

"Das größte Problem stellt Blei dar, das bisher in jeder Lötverbindung enthalten war", erklärt Thomas Leitner, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Elektro(nik)altgeräte-Recycling und nachhaltige Produktentwicklung (KERP). "Man muss auf alternative Lötmittel umsteigen, und da fehlen die Erfahrungswerte, wie sich das auf die Qualität und Lebensdauer der Produkte auswirkt - besonders bei solchen, die lange halten sollen." Bleifreies Lot, in dem das giftige Blei durch Zugabe von Zinn und Silber ersetzt wird, beansprucht höhere Temperaturen bei der Verarbeitung - und darunter leidet die Haltbarkeit im längerfristigen Gebrauch. Schließlich müssen quasi alle Komponenten im Inneren eines Elektrogeräts gelötet werden.

Beschwichtigung

Vonseiten der Hersteller wird naturgemäß beschwichtigt: "Ich kann garantieren, dass die Funktionalität und Sicherheit nicht unter dem Umstieg auf umweltfreundliche Substanzen leidet", versichert Thomas Veverka vom Fachverband der österreichischen Elektro- und Elektronikindustrie (FEEI). Zahlreiche Studien hätten die Unternehmen auf die Problematik vorbereitet. Auch am KERP laufen derzeit Forschungsprojekte, die abklären sollen, wie die Rahmenbedingungen aussehen müssen, um mit neuen Technologie dieselbe Zuverlässigkeit zu erreichen wie mit den alten. Erste Ergebnisse haben gezeigt, dass durch entsprechende Maßnahmen wie etwa beim Design oder der Steuerung des Produktionsprozesses eine vergleichbare Haltbarkeit erzielt werden kann.

"Man sollte aber nicht darauf vertrauen, dass die Umstellung von selbst geht, ohne Qualitätseinbußen zu riskieren", warnt Leitner. Besonders für kleine Unternehmen könnte die kostenintensive Optimierung zum Problem werden, räumt auch Veverka ein: "Bei einzelnen Spezialanwendungen ist die Suche nach geeignetem Ersatz für Schadstoffe sicher schwieriger. Es kann sich aber kein Hersteller leisten, qualitativ schlechtere Produkte auf den Markt zu bringen."

Was Chrom-Beschichtungen, Flammenschutzmittel in Kunststoffen, Kadmium oder Quecksilber betrifft, sei es viel leichter, Alternativen zu finden, meint Leitner. Fraglich sei jedoch, ob die RoHS-Richtlinie auch wirklich entsprechend umgesetzt und kontrolliert werde. Dazu komme, dass der Abbau alternativer Rohstoffe eine weitere Umweltbelastung bedeuten kann: "Aus Sicht der Umwelt können wir letztlich nicht bestätigen oder dementieren, ob die Verordnung unter dem Strich vorteilhaft ist." (Karin Krichmayr, DER STANDARD, Print, 21.11.2005)

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