"Berufseinführungsphase für Lehrer"

21. November 2005, 13:54
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Herbert Altrichter, Erziehungs- wissenschafter, über den Unter- schied zwischen Junganwälten und Junglehrern, Idealisten in der Schule und Karrieremodelle für Lehrer.

STANDARD: Sind junge Lehrer gut genug auf das vorbereitet, was sie in der Schule erwartet?

Altrichter: Es ist unmöglich, auf der Uni einen Lehrer auf alles, was passiert, gut vorzubereiten. Die Lehrerausbildung muss stärker orientiert sein auf Handlungskompetenzen, nicht allein auf Wissen. Und sie braucht eine längerfristige, berufsbiografische Perspektive. Was zum Beispiel fehlt, ist eine überlegte Berufseinführungsphase für Lehrer.

STANDARD: Wie soll die sein?

Altrichter: In der Schule ist es oft so, dass ein Neuling die ganze Arbeit eines pensionierten Lehrers übernimmt und meist sogar noch die schwierigeren Klassen. Stellen Sie sich vor, ein Rechtsanwalt übernähme allein den laufenden Fall eines Pensionierten. Da gibt es Einarbeitung, betreute Anwärterphasen, um sie nicht zu verheizen.

STANDARD: Soll jeder Lehrer werden dürfen, der möchte?

Altrichter: International zeigt sich, dass es keine wirklich sinnvolle Praxis oder gute Messinstrumente gibt, die Eignung vor Beginn des Studiums befriedigend zu messen.

STANDARD: Welche Eigenschaften haben erfolgreiche Lehrer?

<><> Sie müssen extrovertiert sein, es muss eine Person sein, die sozial belastbar ist, bei Krisen nicht ausflippt. Die Frage der Auslese darf nicht unabhängig davon gesehen werden, wer sich überhaupt für den Lehrberuf interessiert. Auslesen kann man erst, wenn man genug interessante Leute hat. Und dazu muss der Lehrberuf ein wirklich attraktiver Beruf sein.

STANDARD: Ist er das derzeit?

Altrichter: Sonntagsreden sagen, für diesen Beruf müsse man die "Besten ihrer Generation" gewinnen. Er ist aber nicht so attraktiv, dass ihn die dynamischsten und interessiertesten Leute von vornherein erwägen. Es gibt die Idealisten und die, die denken, es ist ein Studium, das sie schaffen können. Früher war Lehrerwerden als Aufstiegsberuf attraktiv, heute kaum mehr.

STANDARD: Wie findet man die Besten eines Jahrganges?

Altrichter: Mit den üblichen sozialen Mitteln zieht man sie an: Geld, Status, interessante Arbeit. Im Moment ist der Lehrerberuf mit diesen Merkmalen eher nicht aufgeladen. Für die Qualität der Lehrertätigkeit wäre auch entscheidend, ob Leistung honoriert wird. Es braucht eine innerschulische Funktionsdifferenzierung.

STANDARD: Was heißt das?

Altrichter: Es müsste unterschiedliche Rollen geben und ein Karrieresystem, das nach fachlichen Leistungen Funktionen vergibt. Man kann nicht von jeder Lehrperson Expertenwissen für alle schulischen Probleme verlangen. Insgesamt muss es dafür aber in jeder Schule qualifizierte Personen geben, z.B. Junglehrer qualifiziert einzuführen, Schülern bei Entwicklungsproblemen zu helfen. Der Einzelne braucht Basiskompetenz, erkennen, wo Probleme sind, und wissen, hier dilettiere ich nicht herum, sondern versuche, andere Hilfe zu bekommen.

STANDARD: Wie schaut es denn mit der Lehrerfortbildung aus?

Altrichter: Das Problem der Lehrerfortbildung ist, dass sie oft sehr individualistisch ist. Fortbildung hat einen Sinn als persönliche Weiterentwicklung, das kann eine individuelle Entscheidung sein. Sie müsste aber auch an der Schule koordiniert sein, damit die Schule, die ein Profil, ein Programm hat, ihre Qualität weiterentwickeln kann. (DER STANDARD, Printausgabe, Lisa Nimmervoll, 21.11.2005)

Das Interview führte Lisa Nimmervoll

Zur Person

Herbert Altrichter (51), Unter- richtsforscher, Institut für Pä- dagogik der Uni Linz, Mitglied der Planungskommission für Pädagogische Hochschulen

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