"Der Boom ist noch nicht zu Ende"

29. November 2005, 14:43
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Die türkische Börse boomte schon im Vorfeld der EU-Beitritts­verhand­lungen- Die Fundamental­daten bessern sich, das Land ist bei ausländischen Investoren sehr beliebt

Wien - Auch wenn die Istanbuler Börse bereits seit zwei Jahren boomt, ist ein Ende noch nicht abzusehen. "In den Jahren 2003 und 2004 war die Börse fast ausschließlich geprägt von der EU-Fantasie. Seit aber auch 2005 die wirtschaftliche Entwicklung weiter an Kontinuität gewonnen hat und der Starttermin der EU-Beitrittsverhandlungen gehalten hat, widmen sich die Investoren immer mehr den reinen ökonomischen Fundamentaldaten", erklärt Stefan Herz, Manager des Magna Turkey Fund von Charlemagne Capital. Für das nächste Jahr sei eine stabile Fortsetzung der wirtschaftlichen Entwicklung zu erwarten.

Bei Investoren beliebt

"Die Türkei setzt - von der Europäischen Kommission erst wieder bestätigt - die wirtschaftlichen Reformen konsequent um. Die Unternehmen haben Gewinnwachstumsaussichten für 2006 zwischen 15 und 20 Prozent. Der Export boomt, Haushaltsdefizit und Verschuldung nehmen stetig ab." Die politische Stabilität sei ohnegleichen in der türkischen Republiksgeschichte, das Land erfreue sich bei ausländischen Investoren hoher Beliebtheit, weshalb die Auslandsdirektinvestitionen mit ca. 13 Mrd. Euro Rekordgrößen angenommen haben, meint Herz.

"Wir sehen die Türkei an dem Punkt angelangt, wo die Konvergenz erst zu starten scheint." Deshalb könne man auch zum heutigen Zeitpunkt investieren, man dürfe jedoch nicht vergessen, dass die Türkei immer noch ein sehr volatiler Schwellenlandmarkt ist.

Positiv bewertet auch Liesbeth Rubinstein, Leiterin Europa, Mittlerer Osten und Afrika bei Schroders London die Türkei: "Die sinkende Inflation ist ein langfristiger starker Motor für die Börse und die Stabilität in allen Bereichen wie Wachstum, Privatisierung, Zinsen und Budget wirkt äußerst positiv."

Inflation und Zinsen

"Durch die fallende Inflation in der Türkei fallen auch die Zinsen, was die Wirtschaft stimulieren wird. Der aktuelle Haushalt der Regierung zeigt einen Überschuss von 6,5 Prozent, das erlaubt mehr Spielraum und wirkt befruchtend auf die Wirtschaft", erläutert Stuart Richards, Investment-Manager und Back-up-Fondsmanager des Baring Eastern Europe Fund.

So seien auch die mittelfristigen Aussichten für 2006 nicht schlecht, ist Herz sicher: "Die KGVs für 2006 liegen beim Zehnfachen, was die Türkei immer noch zu einem der günstigsten Märkte macht." Die Verschuldung beträgt 70 Prozent des BIP - zum Vergleich: Vor zwei Jahren waren es noch über 90 Prozent. Die Inflation werde sich, so schätzt Herz, von jetzt neun bei rund sechs Prozent einpendeln und die Zinsen werden auf elf Prozent weiter fallen.

Gefahren für die türkische Wirtschaft drohen nur von der Währungsseite, meint Richards: "Durch den starken Geldzufluss aus dem Ausland in die Türkei ist die Lira immer stärker geworden. Das hatte negative Auswirkungen auf die Handelsbilanz, die sich auf einem Rekordniveau befindet." Eine moderate Abwertung wäre daher wünschenswert.

Die Voraussetzungen für einen Einstieg in türkische Aktien sind noch immer günstig, glaubt Herz: "Nach der Korrektur Anfang Oktober ist viel spekulatives Geld aus dem Markt herausgenommen worden, was diesem nur gut getan hat." Wer mittelfristig anlegen will, für den sei das aktuelle Niveau durchaus interessant. Herz setzt auf den Finanzsektor und favorisiert Finansbank, TSKB sowie Akbank.

Bausektor im Fokus

"Aufgrund des neuen Hypothekengesetzes, das ab dem 1. Januar wirksam wird und das es erstmals in der Geschichte der Türkei ermöglicht, Immobilien auf Hypothekenbasis zu erwerben, haben wir auch den Bausektor im Auge." Investiert ist Herz beim Zementhersteller Cimsa sowie dem Glaswolle- und Isolierungsmaterialienproduzenten Izocam.

Interessant sei auch der Heizungsausrüster Türk Demir Dokum. Beim Mobilfunkanbieter Turkcell ist Herz skeptisch: "Er erscheint uns überbewertet." Titel aus der zweiten oder dritten Reihe sollten mit Vorsicht betrachtet werden, da sie sehr volatil und zu intransparent seien.

"Auch die Fußballaktien wie Fenerbahce oder Galatasaray sind keine Aktien, die wir empfehlen würden", resümiert Herz. Diese seien zu undurchsichtig und sehr volatil. (Reinhard Kremer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.11.2005)

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    Analysten beobachten die Entwicklungen auf dem türkischen Markt genau. Trotz guter Performance in den vergangenen zwei Jahren ist ein Ende des Aufwärtstrends nicht in Sicht.

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