"Arbeitslosigkeit wird weiter steigen"

29. November 2005, 14:47
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Wifo-Chef Karl Aiginger erwartet für den kommenden Jänner eine neue Winter- Rekord­arbeits­losigkeit und fordert im STANDARD-Interview kurzfristige Zusatzinvestitionen

STANDARD: Die deutsche und die österreichische Wirtschaft sind im dritten Quartal gleich schnell gewachsen. Schwächelt Österreich oder ist der kranke Mann Europas plötzlich so stark?

Aiginger: Nein, in Summe wächst Österreich stärker als Deutschland und auch etwas rascher als der Euroraum. Einzelne Quartale sagen kaum etwas aus, das ist sehr erratisch.

STANDARD: Sie sind optimistischer als die EU-Kommission. Die sagt, Österreich wächst 2006 nur im Durchschnitt der Eurozone.

Aiginger: Da sind wir anderer Ansicht. Österreich behält seinen Wachstumsvorsprung von drei bis vier Zehntelprozentpunkten heuer und 2006. Die Wirkungen der Steuerreform und der Maßnahmen der Bundesregierung seit dem 1. Mai dürften von der Kommission unterschätzt werden.

STANDARD: Erhöhen Sie Ihre Prognose für 2006?

Aiginger: Dazu sage ich jetzt noch nichts. Aber das Prognoserisiko nach oben ist gegeben. Leider bleibt das Wachstum auf jeden Fall in einem Korridor, in dem die Arbeitslosigkeit sicher nicht sinkt, sondern eher noch steigt.

STANDARD: Selbst im Wahljahr 2006, für das die Bundesregierung doch gerade ein 285-Millionen-Jobpaket geschnürt hat?

Aiginger: Wir nehmen an, dass die Arbeitslosigkeit in absoluten Zahlen noch einmal höher sein wird als heuer. Das bedeutet auch, dass es im Jänner die höchste Winterarbeitslosigkeit seit Erhebung der Daten geben wird. Da wird es sehr unverständlich werden, wenn gleichzeitig von einer verbesserten Konjunktur gesprochen wird.

STANDARD: Wie schlimm kann denn die Arbeitslosigkeit noch werden?

Aiginger: Die genaue Prognose ist schwierig, da, wie Sie sagen, die Schulungsmaßnahmen intensiviert wurden.

STANDARD: Unterm Strich bleibt das Jobpaket aber auf 2006 beschränkt. 2007 steigt die Arbeitslosigkeit demnach weiter?

Aiginger: Für 2007 haben wir noch keine Prognose, aber nicht alle Maßnahmen sind kurzfristig. Manche Schulungen verbessern die Chancen von Schulabbrechern oder gering Qualifizierten, sodass Angebot und Nachfrage besser zusammenpassen und die Beschäftigung nachhaltig steigt.

Genauso müssten auch die gesteigerten Forschungsausgaben einmal wirken. Die Forschungsintensivierung hat ja schon vor zwei Jahren begonnen. Die Universitäten bekommen jetzt mehr Geld. Es ist ja nicht so, dass dann alles abreißt.

STANDARD: Das bringt mich nochmals zu Deutschland. Viele Experten sagen, das neue Regierungsprogramm wird wegen der Mehrwertsteuererhöhung 2007 nur ein Konjunkturstrohfeuer 2006 bringen und nicht mehr.

Aiginger: Das Programm ist so angelegt, dass es den Aufschwung beginnen lässt und dann Glück braucht. Wenn die Konjunktur weitergeht in Europa, dann wird 2007 für Deutschland kein Problem werden. Wenn die Konjunktur zusammenbricht, ist eine Mehrwertsteuererhöhung um drei Prozentpunkte ein ganz großes Risiko.

Ich muss aber den Kritikern sagen, ich wüsste nicht viel anderes. Eine starke Reduktion der Staatsausgaben würde die Konjunkturerholung erst recht abwürgen.

STANDARD: Also eine Zitterpartie?

Aiginger: Das Wichtigste in Deutschland ist, dass die Leute daran glauben, dass es funktioniert. Die große Koalition ist eine Chance. Ich bin nicht immer Anhänger einer großen Koalition, aber in der jetzigen Situation Deutschlands ist sie sicher besser.

STANDARD: Sie glauben, dass es diesmal funktioniert in Deutschland?

Aiginger: Ich bin auf der optimistischen Seite.

STANDARD: Auf der optimistischen Seite ist auch Finanzminister Grasser. Die Steuereinnahmen sollen weiterhin sehr gut laufen, hört man.

Aiginger: Sollten wir wirklich höhere Einnahmen bei Bund oder Ländern haben, als geplant war, wäre es sinnvoll, sie zu dritteln. Ein Drittel für die Budgetsanierung, ein Drittel kurzfristig zur Eindämmung der hohen Winterarbeitslosigkeit, etwa Vorziehen von kommunalen oder Energie sparenden Investitionen, und ein Drittel für Zukunftsinvestitionen - Weiterbildung und Geld für Schulen zur Integration von Migranten. Dem "Pariser Problem" muss in Wien der Boden entzogen werden, bevor es beginnt.

STANDARD: Wie groß könnte so ein Paket sein?

Aiginger: Ich kann das nicht beziffern. Das weiß der Finanzminister.

STANDARD: Der muss vor allem Wünsche bezüglich weiterer Entlastungsschritte und diverse Steuerreformideen abwehren. Wen würden Sie als Erstes entlasten, wenn das Geld da wäre?

Aiginger: Das Thema Steuerreform soll man meiner Meinung nach dann behandeln, wenn es wieder mittelfristig mehr Geld gibt. Dann wäre der wichtigste Punkt die Entlastung der niedrigen Einkommen von den Sozialversicherungsabgaben.

STANDARD: Von einer Verdopplung der Negativsteuer für Bezieher niedriger Einkommen, wie das die Opposition fordert, halten Sie nichts?

Aiginger: Die Negativsteuer auf ein entscheidungsrelevantes Niveau zu heben ist sehr teuer und sie müsste attraktiver gestaltet werden. Sie wird derzeit im Nachhinein beim Jahresausgleich zurückgegeben. Das ist kein Anreiz, eine Beschäftigung anzunehmen, und verbilligt Arbeit für den Unternehmer nicht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.11.2005)

Zur Person

Der in Wien geborene Ökonom Karl Aiginger (Jahrgang 1948) leitet seit März 2005 das Österreichische Wirtschafts-forschungsinstitut (Wifo), wo er seit 1970 beschäftigt ist. Aiginger unterrichtet Volkswirtschaftslehre an der Universität Linz und gibt das Journal of Industry, Competition and Trade (JICT) heraus. Er lehrte unter anderem an der Stanford University und am MIT in Boston.

Das Gespräch führte Michael Bachner

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Wifo
  • Wifo-Chef Karl Aiginger fordert angesichts der angespannten Situation auf dem Arbeitsmarkt zusätzliche Anstrengungen von der Politik.
    foto: der standard/andy urban

    Wifo-Chef Karl Aiginger fordert angesichts der angespannten Situation auf dem Arbeitsmarkt zusätzliche Anstrengungen von der Politik.

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