Nicht Schwimmer als Lebensziel

27. November 2005, 21:01
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Markus Rogan bespricht im STANDARD- Inter­view die Seiten­blicke, das Ertrinken und das Heldentum mit Johann Skocek

Auf dem Weg zur Kurzbahn-EM, bei der er ab 8. Dezember in Triest zwei Titel verteidigt, stand Markus Rogan dem STANDARD Rede und Antwort.

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Standard: Die Österreicher finden Sie redegewandt, einen Adabei, kulturinteressiert, ein Vorbild, intelligenter und mehr sexy als für einen Spitzensportler notwendig. Erkennen Sie sich wieder?
Rogan: Ich freue mich, dass meine Bekanntheit gehalten hat, wo doch Olympiasportler den Fluch haben, schnell vergessen zu werden. Es überrascht mich auch, dass der Erfolg so deutlich wahrgenommen wurde. Ich war am Beginn von der extrem positiven Aufnahme geblendet und habe gedacht, jetzt kann ich mir alles leisten. Die Blendung von meinem Spiegelbild wurde sehr deutlich wahrgenommen. Wenn ich zweimal in der Woche in den Seitenblicken auftauche, dann ist das für mich ein Zeitaufwand von einer Stunde, aber die Wahrnehmung ist: Der hat die Woche nicht trainiert, der war in den Seitenblicken.

Standard: Was ist für Sie das Schwerste am Schwimmen?
Rogan: Die Geduld. Wenn man all das trainiert hat, was man kann, wenn man seinen Körper so fertig gemacht hat, dass er nicht mehr weiter kann, dann auszuruhen und sich auf das angelegte Trainingskapital zu verlassen und nur mehr an den Feinheiten mit höchster Konzentration zu arbeiten.

Standard: Sie ringen um Vertrauen in sich selbst?
Rogan: Auf standard.at wurde mir vorgeworfen, dass ich die Ankündigungen für den Weltrekord eher im Dauergrinsen gemeint habe. Das hätte mich vor einem Jahr noch komplett fertig gemacht: Ach, alle glauben, ich grinse ja nur. Jetzt ist mir klar, dass das mehr ein überspitzter Witz als eine Attacke ist. Die größte Panik habe ich in den letzten Minuten vor dem Hauptrennen, wo ich weiß, ich habe fünf Monate für eine Minute fünfzig gearbeitet, und ich muss jetzt das bringen, von dem ich weiß, was ich bringen kann.

Standard: Ringt Olympiasieger Aaron Peirsol weniger mit der Angst als Sie?
Rogan: Aaron kann damit besser umgehen, aber nicht, weil er sich ein genaueres Bild macht, sondern weil er das von vornherein verdrängt. Er hat die Fähigkeit, bestimmte Ängste nicht wahrzunehmen. Ich lasse die Ängste mich voll treffen, und ich glaube, ich komme ihm immer näher, weil ich besser mit meinen Ängsten umgehen und sie Richtung Kraft drehen kann.

Standard: Wirkt der olympische Gedanke im Wettkampf?
Rogan: Bei Olympischen Spielen wird der ein wenig aufgesetzte Gedanke der Unschuld überstilisiert. Aber doch ist sportliche Leistung das Unschuldigste, was wir noch haben. Man kann nicht sagen, der Manager des Jahres ist unfairer als der Olympiasieger. Aber der Olympiasieger ist der fairste Siegertyp, den es gibt.

Standard: Folgt die geteilte Reaktion auf Sie auch aus der abgerissenen Kulturtradition des Schwimmens?
Rogan: Die Tradition wurde mit dem jüdischen Schwimmklub Hakoah ausgemerzt, die Hakoahner waren Olympiasieger. Weil sie sich geweigert haben, an den Olympischen Spielen in Berlin teilzunehmen, hat der Österreichische Schwimmverband ihnen die Titel aberkannt. Erst 1995 haben sie sie zurückgekriegt.

Standard: Sind Sporthelden angesichts von Jugendarbeitslosigkeit und Managergier noch zeitgemäß?
Rogan: Ich gehe ein hohes Risiko ein, indem ich mich auf den Sport konzentriere, und Erfolg das oberste Credo ist. Gleichzeitig will ich Sicherheit, weil ich vor der Profikarriere die Schule abschließen musste. Einige Freunde tun sich am Arbeitsmarkt schwer und fühlen sich als Akademiker unterbezahlt, denken, du hast es so leicht, du kriegst so viel. Das ist mir unangenehm, denn ich würde weniger verdienen ohne Schwimmen.

Standard: Was gibt Ihnen das, ein Sportheld zu sein?
Rogan: Intellektuell wenig, das habe ich belächelt. Aber emotional kann ich mich dagegen nicht wehren. Wenn mich ein junger Sportler nicht als Vorbild sieht, dann vermisse ich das.

Standard: Und das Risiko des Heldentods?
Rogan: Die Medien mästen das Schwein, dann haben sie auch schon die Schlachtgeschichte. Die nächste Angst ist, dass der Weg nach unten viel länger sein wird als der Weg nach oben. Deshalb ist für mich die größte Herausforderung im Schwimmsport, im richtigen Augenblick aufzuhören. Mein Lebensziel ist nicht, Schwimmer zu sein. Grauenhaft die Vorstellung, dass mein Enkel mich vorstellt und sagt: Mein Opa war Vize-Olympiasieger.

Standard: Ein Sportheld wird auch zur US-Außenpolitik und Homosexualität befragt.
Rogan: Es ist unangemessen, aber dann habe ich das Gefühl, ich werde respektiert. Dass meine Antwort überflüssig ist und mich viele als überheblich interpretieren, habe ich lernen müssen. Wenn ich mich politisch äußern würde, würde es mich viel an Popularität kosten. Nur gegen Drogen zu sein, nicht, das ist super.

Standard: Sie tauchen 100 Meter weit, ohne Luft zu holen?
Rogan: Ja. Bei 25 Metern denkst du dir, ich bin so weit und noch klar. Auf der zweiten Länge hast du den Druck in der Kehle, du willst atmen. Auf der dritten Länge verwendest du die Oberschenkel nicht mehr, sie brauchen den meisten Sauerstoff, und jeder Schlag tut so weh, als würde dir jemand die Lunge enger schnüren. Dann kommt das Kopfweh, du merkst, dass die Hirnzellen sterben. Auf dem letzten 25er wird es schwarz. Da musst du aufpassen, denn der Reiz, dass du atmen willst, ist weg. Das Unangenehmste ist der Stolz, dass du fast da bist und es nicht nur fast schaffen willst. In diesem schwarzen Schimmer kommt immer derselbe Albtraum: Dass da draußen jemand steht, wartet, bis ich die Wand berühre und mich dann runterhält. Die Angst ist so real, das gibt's gar nicht. Dann schlägt man an, und an die nächsten zwei Minuten kann man sich nicht erinnern. Der erste Luftzug ist irrsinnig angenehm, aber der Kopf explodiert. Wenn du von links nach rechts schaust, braucht es eine Zeit lang, bis das Bild nachkommt. Hast du 100 Meter gemacht, sind 50 Meter locker.

Standard: Was ist der Sinn?
Rogan: Ich tauche in Triest auf der Kurzbahn 120 von 200 Metern. Acht Längen, jedes Mal 15 Meter, sieben Sekunden, nachher sechs Sekunden schwimmen. Der Trainingseffekt ist: Die Lunge wird größer, ich habe ein Volumen von zehn Litern. Dazu kommt der psychologische Vorteil, ich kann weitermachen, auch mit 100 Kilo auf meiner Brust. Das ist der Grund, warum ich vielleicht irgendwann den Peirsol schlagen kann.

Standard: Und das ist dann sozusagen der Lohn der Ertrinkensangst?
Rogan: Mein neuester Horror ist die Schlagzeile: Rogan ertrunken! Das kann passieren, aber es wäre ein unglaublich ironischer Effekt, wenn ein Profischwimmer ertrinkt.

Standard: Wie schaut's bei der Kurzbahn-EM aus?
Rogan: Ich konzentriere mich auf die 200-m-Rücken, Titel verteidigen, Vorbereitung auf Schanghai, die Kurzbahn-WM. Der Rest ist Show, Spaß. Eine Standortbestimmung: wie möglich ist der Weltrekord? Und ich will 2008 in Peking Olympiasieger werden. (DER STANDARD Printausgabe 21.11.2005)

Zur Person:

Markus Rogan (23), 195 cm groß, 90 kg schwer, Schuhgröße 46, Spannweite der Arme 201 cm. Absolvent der Stanford University (International Relations and Economy), 2004 in Athen Olympia-Zweiter (100- und 200-m-Rücken). Bei der Kurzbahn-EM in Wien im Dezember 2004 sammelte Rogan zwei Goldene und zwei Silberne.

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Markus Rogan

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    Markus Rogan ist am Dienstag, den 13. Dezember 2005 im Chat auf derStandard.at zu Gast.

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