Václav Havel in Wien: "Ein neues EUangelium"

25. November 2005, 14:06
posten

Der tschechische Autor sprach beim Symposium über Literatur und Nationalismus vom mangelnden Mut der Politiker zur Wahrheit

Zum Abschluss des Symposiums über Literatur und Nationalismus sprach der Dichter und ehemalige tschechische Staatspräsident Václav Havel in Wien vom mangelnden Mut der Politiker zur Wahrheit.


Wien - "Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße dessen, der frohe Botschaft bringt, der Frieden verkündet, der Heil verkündet", pries schon das Alte Testament den Überbringer der guten Nachricht. Nicht weniger als eine solche Frohbotschaft für die EU, ein "EUangelium", wünschte sich Jirí Grusa, Präsident des internationalen PEN-Clubs, zum Abschluss eines dreitägigen Symposiums.

Von Donnerstag bis Samstag hatten renommierte europäische Intellektuelle - etwa György Konrád, Paul Lendvai, Dragan Velikic - auf Einladung des Österreichischen PEN, der Diplomatischen Akademie und der Plattform WeltStadtWien die Rolle der Nationalliteraturen bei der Entstehung mitteleuropäischer Nationalismen diskutiert.

Nun also eine Frohbotschaft. Adressat von Grusas prä-adventlichem Wunsch im festlichen Rahmen des Palais Ferstel war sein Gast Václav Havel. Bereits 1978, zehn Jahre nach dem Einmarsch der russischen "Brudermacht" in Prag, hatte der Dichter, Dissident und spätere tschechische Staatspräsident mit seinem Essay Die Macht der Machtlosen kühne Visionen eines "postdemokratischen Systems" entworfen. Im Palais Ferstel las Schauspieler Joachim Bißmeier Auszüge aus dem Text.

Václav Havel skizzierte jenes utopische "postdemokratische System" als frei von starren, inflexiblen Strukturen und von Institutionen, die längst im Dienst des eigenen Machterhalts agierten und nicht länger in jenem der Menschen, für die sie einst geschaffen wurden. Organisationen entstünden vielmehr ad hoc zur Umsetzung eines bestimmten Ziels - um sich nach dessen Erreichen wieder aufzulösen. Strukturen bildeten sich von unten, im Dialog mit den wirklichen Bedürfnissen.


Langfristige Interessen

27 Jahre und eine politische Karriere später erkannte Havel in den Visionen zwar eine gewisse Naivität. Dennoch: "Die Spannung zwischen dem menschlichen Inhalt der Demokratie und ihrer Form" sei unvermindert aktuell. Ob die "Institutionen wirklich den langfristigen Interessen des Menschen" dienten oder vielmehr als "Spiegel der Mächtigen" aufträten, sei fraglich.

Václav Havels Kritik galt den Politikern der europäischen Demokratien, die mit Rücksicht auf ihre Wiederwahl kurzfristigen Zielen und Opportunismus gehorchten, statt den Mut zu unpopulären Maßnahmen aufzubringen, die langfristig das Wohlergehen der Menschen bewirkten. "Nicht kalkuliert, sondern nach eigenen Prinzipien" gälte es zu handeln. Denn oft mache gerade das, "was keinen unmittelbaren Effekt hat, einen Sinn. Worauf es ankommt, ist, nicht durch kurzfristiges Kalkül klebrige Hände zu bekommen."

In diesem Sinn wollte Havel denn auch seine Botschaft an Europa verstanden wissen. Eine "Message", die Gastgeber Jirí Grusa prompt auf den griffigen Slogan zuspitzte: "Versucht es mit der Wahrheit!" Eine fromme, weihnachtliche Aufforderung an alle Politiker.

Doch auch dieses gehört zur historischen Realität der frohen Botschaft: Ihr Überbringer wird nicht immer erkannt. Noch weniger erhört. Einen Vorgeschmack auf die kühne Wachheit der Macht bei der Ankunft des EU-angelisten durfte ein Vertreter der Zunft bereits im Vorfeld geben. ÖVP-Ex-Bürgermeister-Kandidat Johannes Hahn hatte den Abend in salbungsvollem Ton mit der Erklärung eröffnet, es sei ihm "eine besondere Ehre, Vaclav Klaus zu Gast zu haben." Eben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.11.2005)

Von Cornelia Niedermeier
  • "Worauf es ankommt: Nicht durch kurzfristiges Kalkül klebrige Hände zu bekommen" lautet Václav Havels Rat an Europas Politiker heute.
    foto: standard/fischer

    "Worauf es ankommt: Nicht durch kurzfristiges Kalkül klebrige Hände zu bekommen" lautet Václav Havels Rat an Europas Politiker heute.

Share if you care.