Vom Sieg der Zeit über den Raum

21. November 2005, 10:31
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Hermann Nitschs Orgien Mysterien Theater im Wiener Burgtheater - eine gut achtstündige, riskante "Reifeprüfung" eines "Staatskünstlers"

... bis an den Rand zur Selbstmusealisierung. Historisch wurde der Abend erst und gerade, als die Kräfte aller Beteiligten zu erlahmen drohten.


Wien - Es war einmal eine kleine Kulturnation, die definierte sich gerne über große Erregungen, Meisterwerke, Besetzungen und - als das alles nichts mehr nutzte - Events. In diesem kleinen Land sprach man gerne von "Staatstheatern", wo anderweitig Theater längst an grundlegenderen Problemen darbten. Oder man kürte "Staatskünstler", ohne die anarchische Geschichte der Avantgarden zu akzeptieren.

Es hätte ewig so weitergehen können in diesem Land. Immer größer wurde die Kluft zwischen Gernegroß und War-da-was? Draußen vor den Theatern saßen zwar boshafte (verbitterte?) Leute, im Volksgarten etwa, und sagten: "Wir wissen, was gespielt wird." Und drinnen, in den Beamtenburgen, saßen die wahren Satiriker, und schrieben Sätze wie: "Des weiteren weist die Behörde darauf hin, dass aus hygienischen Gründen ein Kontakt mit den toten Tieren bzw. Teilen von diesen durch Zuschauer nicht vorgesehen ist." Oder: "Im Bedarfsfall werden Gehörschutzstöpsel bei den Garderoben kostenlos zur Verfügung gestellt."

War das eine Komödie? Eine Tragödie? In jedem Fall: ein Dauerbrenner. Nur gloste er immer weniger überzeugend vor sich hin. Selbst ein paar versprengte Kulturkämpfer blauer oder oranger Couleur vermochten das Feuer mit tapferen "Skandal!"-Rufen nicht mehr zu schüren.

"Reifeprüfung"?

Weiterhin lächelten aber alle hoffnungsfroh, und so schien denn auch am Samstag, dem 19. November 2005 alles in seinen sensationellen, wenngleich erwartbaren Bahnen zu laufen, als Hermann Nitsch antrat, um "eine Reifeprüfung am Burgtheater abzulegen". Matura für Staatskünstler? - Dies schien eine sehr austriakische, unreife Vision zu sein. Wieso, mit Verlaub, braucht dieser Mann, an dessen Werk sich noch Generationen internationaler Künstler abarbeiten werden, eine "Reifeprüfung"?

Mit einem entsprechendem Ernst näherte man sich nichtsdestotrotz der großen Feier: Den beim Orgien Mysterien Theater erwartbaren Schütt-Nebeneffekten und Blutspritzern beugte man vor, indem man kostbare Foyer-Tapeten mit Plastikfolien verkleidete. Die Besucher wurden sortiert in solche, die gratis Prinzendorfer Wein trinken (bzw. - "zu süß!" - über ihn schimpfen) durften, und solche, die Kantinen-Schankwein kaufen mussten. Es wurde darauf hingewiesen, dass man Speisen in die Logen mitbringen durfte. Man war auf seriöse Weise lockerer als sonst.

Weniger locker war man, zumindest allerorts aufgehängten Anweisungen nach, mit der Frage des Abfilmens und Fotografierens der über das ganze Haus verteilten Schütt- und Kreuzigungsaktionen: "Aus urheberrechtlichen Gründen" bitte man vom Einsatz von Digital- oder Handykameras abzusehen ...

Nitsch für alle

Es war nun vielleicht der erste tatsächliche Skandal und die erste Tabuüberschreitung, dass diesem Verbot nicht Rechnung getragen wurde: Munter knipsten und filmten die Leute, die immerhin 75 Euro Eintritt gezahlt hatten, vor sich hin: Hier einen fröstelnden nackten Jüngling im Foyer, mit verbundenen Augen. Dort - die erste wirklich grandiose "Szene" - riesige Lanzen, die die Feststiege hochgetragen und auf eine symbolische Amfortas-Wunde gelegt wurden. Den Vogel in Sachen "Nitsch nach Hause nehmen" schoss eine junge Frau ab, die sich einmal mit einem weißen Rock in eine Blutlache kniete.

So, wie das alles Stunde um Stunde, Kreuzigung um Kreuzigung, auf der Bühne, in den Foyers, in den Zuschauerrängen, ablief, ein wenig langatmig und redundant - so hätte es vielleicht wirklich das Prädikat "reif", vielleicht sogar "überreif" verdient. Und die Leute hätten weiter Wein schlürfen können und vielleicht ein wenig herumkritteln und die gloriosen Zeiten vom "Hermann früher" beschwören können - wenn da nicht zunehmend zwei Faktoren sich ins opulente Spiel gemengt hätten: die Zeit und die Erschöpfung.

Hatte diese "122. Aktion des Orgien Mysterien Theaters" gut fünf Stunden lang wie eine gut organisierte Demonstration von Kultszenen gewirkt, so zollten die gut 80 "aktiven und passiven Akteure", die Musiker und Chorsänger dem logistischen Druck, dem allgemeinen Kräfteverschleiß langsam aber sicher den unausweichlichen Tribut.

Rettende Erschöpfung

Als dann ein riesiger Stierkadaver für die große abschließende Schlussaktion zugerichtet, aufgehängt, um die Burg gezogen werden sollte - da regierte atemloses Aufbegehren gegen die Schwerkraft der Verhältnisse. Riesige Schrauben mussten in splitterndes Holz geschlagen, die Beine des Tieres gespreizt, das ungeheure Gewicht gehoben werden. Die Zeit (ursprünglich geplantes Ende: 21 Uhr) lief davon, sie wurde um zwei Stunden überzogen. Die Korsette, etwas programmgemäß abzuliefern, wurden rissig. Unfassbar, was Nitschs Akteure da geleistet haben.

Es war die Rettung für ein Haus, das in allem Bemühen um "Öffnung" einmal mehr in musealer Weihe zu erstarren drohte. Und es war - Reifeprüfung hin oder her - die Rettung des Hermann Nitsch, der lange Zeit wie ein freundliches Opfer der eigenen Größenfantasie gewirkt hatte.

Plötzlich entlud sich die Erschöpfung zu einer neuen geballten Kraft. Was im Schlusstableau an Getrampel auf Tomaten und Innereien rund um den Stier abging (szenische Anweisung: "RUGBY-Situation"), ist kaum zu beschreiben. Manche Zuschauer vergaßen sogar aufs Fotografieren. Nachher: allgemeiner Jubel, wie ihn die Burg seit Sportstück-Zeiten kaum jemals erlebte. Und - angesichts herber Gerüche im ganzen Haus - der vielleicht beste Sager des Abends, getätigt von einem Besucher, der seinen Frank Zappa gut studiert hat: "The Burgtheater is not dead. It just smells funny." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.11.2005)

Von Claus Philipp
  • Grandioses Abschlussszenario des Orgien Mysterien Theaters: Tanz um den Stier. Und munter fotografieren (siehe unten) die (im Fall dieses Fotos anonym bleiben wollenden) Zuschauer.
    foto: standard

    Grandioses Abschlussszenario des Orgien Mysterien Theaters: Tanz um den Stier. Und munter fotografieren (siehe unten) die (im Fall dieses Fotos anonym bleiben wollenden) Zuschauer.

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