Ruslana im STANDARD-Interview: "Es atmet sich leicht im Land"

2. Dezember 2005, 17:05
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Die Sängerin und Mitrevolutionärin blickt voller Zufriedenheit auf den Machtwechsel in Kiew zurück: "Die Leute sind glücklich"

Die ukrainische Sängerin und Mitrevolutionärin Ruslana blickt voller Zufriedenheit auf den Machtwechsel in Kiew zurück. "Die Leute sind glücklich", diktiert sie Eduard Steiner in den Block.

STANDARD: Die Revolution ist ein Jahr alt. Wie fühlen Sie sich in der Ukraine?

Ruslana: Für die Ukraine ist das wahrscheinlich der glücklichste Moment. Ich sehe, dass die Leute einfach glücklich sind. Wenn Sie mich fragen, dann ist diejenige Politik gut, die die Leute beim Leben nicht stört. Die jetzige stört nicht mehr.

STANDARD: Aber ist die Aufbruchsstimmung der Revolution nicht passé?

Ruslana: Ich denke, wenn notwendig, würden sich die Leute binnen einer Sekunde wieder zum Protest versammeln. Die Eindrücke der Revolution bleiben tief in uns eingeprägt. Am meisten sind die Leute stolz darauf, dass alles friedlich und fröhlich abgelaufen ist. Die Menschen sind zur friedlichen Lösung von Konflikten fähig, wenn die Politik nicht das Gegenteil organisiert.

STANDARD: Nicht alle sehen die Veränderungen so. Es heißt, die Reformen kämen nicht besonders voran. Zudem sind bald Wahlen, ein verbissener Wahlkampf hat begonnen.

Ruslana: Nein. Schreiben Sie so, wie ich es Ihnen gesagt habe: nämlich dass die Politik uns nicht mehr beim Leben stört. Es atmet sich leicht im Land, das ist das Wichtigste. Wenn du leicht atmest, dann hängt alles Weitere nur mehr von dir selbst ab. Jeder kann sagen, was er sagen will. Jeder kann machen, was er will. Das ist die Freiheit und auch das Wichtigste angesichts aller möglichen Analysen über die Geschwindigkeit der Entwicklung. Und es gibt sehr viele Wohltätigkeitsprojekte. Wir hatten das früher nicht; wir hatten keine Beziehung zu solchen Dingen.

Nach der Revolution begann man sehr viel Aufmerksamkeit der Kultur und Tradition zu schenken. Mit ihrem Potenzial hat die Ukraine sehr viel Interessantes zu bieten. Das kann nicht binnen weniger Tage passieren, aber es wird passieren. Für die Politik kann ich nicht die Hand ins Feuer legen, aber für die Kultur ganz sicher.

STANDARD: Hat Sie verwundert, dass damals so viele Leute auf die Straße gingen?

Ruslana: Wissen Sie, die meisten haben wie ich gar nicht geglaubt, dass so etwas bei uns vor sich gehen kann. Sie fragten: "Ist es möglich, dass das wir sind?" Das ist erstaunlich, fast ein Wunder. Ohne zu prahlen - die Ukraine hat ein Beispiel der Demokratie gegeben.

STANDARD: Immer wieder heißt es, Sie seien für Ihre Unterstützung der Revolution gekauft oder gezwungen worden.

Ruslana: Ich mache nur das, was ich will. Ich berechne meinen Wert nicht in Geld. In Wirklichkeit möchte ich möglichst weit von der Politik entfernt sein. Ich bin ein Mensch der Kunst. Ja, vor der Revolution wusste ich nicht immer, was in meinem Namen hinter meinem Rücken gemacht wurde. Auch deshalb habe ich die Revolution unterstützt. Der Hungerstreik war meine eigene Initiative, um die Aufmerksamkeit Europas auf uns zu ziehen. Die Situation bei uns war sehr zugespitzt, niemand verstand, was vor sich ging; man musste schnell handeln.

STANDARD: Sie treten viel im Westen auf. Bemerken Sie eine Veränderung in der Wahrnehmung der Ukraine?

Ruslana: Sehr sogar. Besonders in Deutschland, aber auch in anderen Ländern blitzt ein Interesse auf. Das ist einfach eine Entdeckung, man will in die Ukraine fahren. Zu mir fahren Fanklubs aus ganz Europa. Bisher wusste man wenig, jetzt sucht man Informationen über die Ukraine. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.11.2005)

Zur Person

Ruslana Lyzhichko (31) gewann 2004 mit dem Ethno-Song "Dyki Tantsi" (wilde Tänze) den Eurovision Song Contest. Während der vorjährigen Revolution unterstützte sie die politische Wende - unter anderem mit einem Hungerstreik.

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    Auftritt vor den Demons- tranten: Die Sängerin Ruslana sprang im Winter 2004 Viktor Juschtschenko bei.

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