Im "ZWEIFEL" für den Abriss

    19. Jänner 2006, 17:33
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    Was passiert mit Berlins nun sentimental besetztem "Palast der Republik"? Die Nachnutzung scheint offener denn je

    Wie temporär belässt man den "Palast der Republik" im Herzen Berlins? Dem prekären DDR-Gebäude fliegen seit einiger Zeit sentimentale Gefühle zu. Die Nachnutzung des Standorts scheint offener denn je – kommerzielle Überlegungen überdecken kulturkonservatorische.


    Berlin – Den Palast der Republik im Zentrum von Berlin kann man von zwei Seiten sehen: Von vorn, vom Schlossplatz aus gesehen, wirkt das Gebäude aus DDR-Tagen wie ein zu klein geratener modernistischer Ersatz für das einstige Stadtschloss mit seiner barocken Fassade.

    Von hinten, vom Marx-Engels-Forum und vom Alexanderplatz aus, wirkt er wie eine plausible Fortsetzung der Veränderungen im Stadtraum, die aus den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs hervorgegangen sind. Vor knapp einer Woche, am 17. November, war der Palast, in dem vor 1989 das Parlament der DDR tagte, offiziell zum letzten Mal öffentlich zugänglich. Innen ist nach einer Asbest-Sanierung nicht viel übrig – aber gerade als Ruine hat der Palast neue Anhänger gefunden.

    Es gab eine ganze Reihe interessanter "Zwischennutzungen". Deren spektakulärer Höhepunkt wurde erreicht, als die Staatsoper Unter den Linden eine Parsifal-Inszenierung durch Bernd Eichinger in den Palast übertragen ließ. Eine Modemarke finanzierte diesen Event durch Sponsoring. Ein leicht paradoxes Abschiedsgeschenk kam von der Initiative Volkspalast, die im August einen Berg in die entkernte Baustruktur stellte, eine Installation aus Stahl und Kunststoff, die allerdings über den Palast hinauswies.

    Viele Anhänger des Palasts wollen andere Nutzungen vorschlagen. Sie fordern ein Moratorium für den Abriss, der für das kommende Jahr beschlossen ist. Der Künstler Lars Ramberg, der weithin sichtbar das Wort "ZWEIFEL" auf die Traufe des Palasts geschrieben hat, ist nur ein Vertreter einer Allianz aus Architekten und Politikern, aus Kulturschaffenden und Intellektuellen, die dem temporären Zustand gern eine etwas längere Dauer verleihen würden. Sie begreifen das Gebäude als eine Signatur der Geschichte.

    Der Boulevard Unter den Linden ist in dieser Sicht nicht mehr eine ununterbrochene Achse der Repräsentation, die vom Brandenburger Tor bis zum Hohenzollernschloss die Staatswerdung dokumentiert. Er ist vielmehr ein Weg, der die Brüche in der Stadtgeschichte Berlins nachvollziehbar macht. Kein Wunder, dass es für die künftige Bebauung des Schlossplatzes so viele Vorschläge wie Weltanschauungen gibt.

    Nach dem Willen des Deutschen Bundestages soll an dem Ort, an dem derzeit noch der Palast steht, ein Gebäude errichtet werden, das in den Dimensionen des Schlosses und unter Rekonstruktion von dessen Fassade nach außen den Zustand vor dem Krieg wieder herstellen soll. Was die Inhalte dieses nachgebauten Schlosses anlangt, gibt es bisher nur Absichtserklärungen: Ein Humboldt-Forum soll Teile der Universität und die außereuropäischen Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin aufnehmen. Für diese öffentliche Nutzung können jedoch kaum private Investoren gefunden werden.

    Tiefgaragenpläne

    Deswegen müssen für diese auch kommerzielle Anreize geschaffen werden. Ein Konferenzzentrum, eine Tiefgarage und ein Luxushotel an der Ostseite des Geländes stehen dafür zur Diskussion. Eine eben erstellte Machbarkeitsstudie zu diesem Thema wird nun von den Befürwortern des Palastes wie von den Lobbyisten für den Wiederaufbau des Stadtschlosses jeweils in ihrem Sinn interpretiert. Zu den Kosten von bis zu 700 Millionen Euro will die öffentliche Hand so wenig wie möglich beisteuern. Laut Studie stehen die Chancen für die Anwerbung von privaten Bauträgern gut. Ebendies wird von einem neu gegründeten Palastbündnis bestritten.

    Seine Vertreter befürchten, dass durch den Abriss des Palastes nur die Verhältnisse – sprich: eine Brache – geschaffen würden, die schließlich den ganzen Schlossplatz in die Hände von kommerziellen Nutzern spielen würden.

    Einen zweiten Potsdamer Platz im historischen Zentrum von Berlin mag sich niemand ausmalen. Das Beispiel der wiederaufgebauten Dresdner Frauenkirche lässt sich nicht so einfach auf Berlin übertragen, denn eine breite Bürgerbewegung für den Neuaufbau des Stadtschlosses hat sich nie richtig formiert.

    Die Ostberliner hängen an ihren Erinnerungen an viele Volksfeste im Palast der Republik, und der allgemeine Symbolwert ist angesichts vieler markanter Orte in Berlin weniger stark. Die kleinen Oppositionsparteien im neuen Bundestag haben sich der Sache inzwischen angenommen. Hans-Christian Ströbele von Bündnis 90/Die Grünen und Petra Pau von der Linkspartei unterstützen den Antrag, den Palast der Republik vorerst nicht abzureißen. Prominente Architekten wie Rem Koolhaas und Axel Schultes unterstützen die Petition.

    Am Freitag findet im Palast eine Benefizparty mit Alec Empire statt. Die Zwischennutzungen gehen vorerst weiter. Nun muss sich die Kanzlerin zum Thema eine Meinung bilden. Denn mit Beachvolleyball, wie es im vergangenen Sommer vor dem Palast gespielt wurde, lässt sich dieser so bedeutungsdichte Stadtraum auf Dauer nicht bespielen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.11.2005)

    Von Bert Rebhandl

    Link
    palastbuendnis.de

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