"Dichtungszauberer" Gert Jonke mit Kleist-Preis ausgezeichnet

20. November 2005, 20:28
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Laudator Jürgen Flimm würdigte auch das "wunderbare Durchgestrichene des Gert Jonke" als "Spur zum Ziel" und plädierte dafür Jonke häufiger am Theater aufzuführen

Berlin - Der Kärntner Schriftsteller Gert Jonke (59) ist am Sonntag im Berliner Ensemble mit dem diesjährigen Kleist-Preis ausgezeichnet worden. Regisseur Jürgen Flimm, der neue Intendant der Salzburger Festspiele, würdigte in seiner Laudatio den Autor als "Sprach- und Dichtungszauberer". Der 1946 in Klagenfurt geborene Jonke gilt als einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller. Zu seinen großen Werken gehören "Geometrischer Heimatroman", "Schule der Geläufigkeit" oder "Chorphantasie".

Flimm, der als Juror traditionsgemäß den Preisträger alleine ausgewählt hatte, ging in seiner Laudatio unter anderem auch auf das "wunderbare Durchgestrichene des Gert Jonke" ein. Für Jonke besitze auch das, was er beim Schreiben durchgestrichen habe, einen Zauber und sei "eine Spur zum Ziel", die er erhalten wolle, weshalb er auch nie auf dem Computer schreiben würde. Flimm, der als Intendant der Ruhrtriennale Jonke den Auftrag für das im September uraufgeführte Werk "Seltsame Sache" vergeben hatte, strich außerdem Jonkes Liebe zum Theater und den Schauspielern hervor und plädierte dafür, seine Stücke häufiger aufzuführen.

Lese-Performance

Jonke stellte in einer fulminanten Lese-Performance neue eigene Geschichten vor, die er assoziativ Kleist'schen Erzählungen nachempfunden hatte. Weiters lasen im Rahmen der Veranstaltung auch die Schauspieler Therese Affolter, Markus Hering und Peter Fitz sowie Dramaturg Hermann Beil Texte von Jonke und Kleist. Der österreichische Jazzmusiker Christian Muthspiel spielte Posaune.

Jonke wurde am 8. Februar 1946 in Klagenfurt geboren. Nach dem Studium der Germanistik, Geschichte, Philosophie und Musikwissenschaft an der Universität Wien wurde er 1970 Mitarbeiter in der Hörspielabteilung des Süddeutschen Rundfunks in Stuttgart. Nach Aufenthalten in Berlin, Hamburg, London, Argentinien und Frankfurt war er Stadtschreiber in Graz. Musik und Dichtung liegen für den Autor, der in seiner Jugend auch Klavier spielen lernte, nah beisammen. Für seine Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Hörspiele und Drehbücher erhielt er bereits zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1977 den Ingeborg-Bachmann-Preis, 1997 den Erich-Fried-Preis und den Franz-Kafka-Literaturpreis und 2002 den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur. Im September dieses Jahres wurde neben "Seltsame Sache" bei der Ruhrtriennale in Duisburg auch sein Stück "Die versunkene Kathedrale" im Wiener Akademietheater uraufgeführt.

20.000 Euro

Der von der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft vergebene Preis ist mit 20.000 Euro dotiert und wird alljährlich zum Todestag des Dichters verliehen, der sich am 21. November 1811 am Kleinen Wannsee gemeinsam mit Henriette Vogel das Leben nahm. Der Kleist-Preis zählt zu den renommiertesten deutschen Literaturauszeichnungen. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts waren unter anderem Bertolt Brecht und Robert Musil mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet worden, nach dessen Wiederbegründung 1985 waren es unter anderem Heiner Müller, Ernst Jandl, Herta Müller oder zuletzt Emine Sevgi Özdamar. (APA/dpa)

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