Die Datenlichter im hohen Norden

27. November 2005, 13:36
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Datenverkehr am Handy - Hoffnungsträger aller Mobilfunkanbieter als neue Einkommensquelle - entwickelt sich nur schleppend. Nur in Norwegen ist man schon weiter

Während die Gebühren für Handygespräche dank anhaltender Konkurrenz weiter sinken, nimmt der mobile Datenverkehr nur langsam zu. Von der Explosion an mobilen Diensten, die "3G" (die dritte Generation des Mobilfunks vulgo UMTS) hätte bringen sollen, ist bisher bestenfalls ein fernes Donnergrollen zu vernehmen. Betreiber sehen neidisch ins ferne Japan, weil dort "iMode" (die japanische Version von Daten am Handy) seit Längerem ein Heuler ist.

"80 Prozent der Norweger haben schon mobile Datendienste genutzt"

Dabei müssten sie den Blick nicht in den Fernen Osten lenken: Schon ein Ausflug in den europäischen Norden wirkt erhellend. "80 Prozent der Norweger haben schon mobile Datendienste genutzt, damit liegen wir weit vor Japan, wo 56 Prozent der Handy-User iMode benutzen. Und wir übertreffen Japan bei der Anzahl an Content-Providern, den Kunden und dem Ertrag", sagt der für die Entwicklung dieser Dienste zuständige Telenor-Direktor Ric Brown im Gespräch mit österreichischen Journalisten.

50 SMS im Monat

Telenor ist Norwegens Telekom-Ex-Monopolist, der heute bei Mobilfunk einen Marktanteil von 60 Prozent hält und in Österreich einer von vier Eigentümern des Mobilfunkers One ist. In Österreich sind es einer Erhebung des drittgrößten heimischen Betreibers zufolge erst 27 Prozent der Benutzer, die mobile Datendienste in Anspruch nehmen.

50 bis 60 SMS

Einige Daten zeigen den Vorsprung, den Telenor bei Datendiensten hat: Im Schnitt versenden Telenor-Kunden 50 bis 60 SMS (Kurznachrichten) im Monat, rund doppelt so viele als die nicht gerade textscheuen Österreicher. Im letzten Quartal 2004 läpperten sich so 600 Millionen SMS zusammen, die über das Telenor-Netz gingen.

MMS

Und auch der MMS-Gebrauch (Bildnachrichten) entwickelt sich gut: 4,5 Millionen Bildchen versenden Telenors Kunden monatlich, einer von vier Kunden nutzt das relativ junge MMS regelmäßig - anfangs übrigens vor allem Männer zwischen 21 und 25, heute überwiegend jüngere Frauen. Und mobiles Internet werde von einem Fünftel der 2,7 Mio. Kunden genutzt.

"Ein spezieller Ort für Mobilfunk"

Zwar sei Norwegen "immer schon ein spezieller Ort für Mobilfunk" gewesen, sagt Brown - Wohlstand, Zweitwohnsitze, technische Neugier und eine schwierige Geografie haben Norwegen von Anfang an einen Spitzenplatz bei der Adaption der jungen Technik gesichert. Aber dass sich insbesondere die Datendienste so hervorragend entwickeln, führt er auf eine Art Ökosystem von Betreiber und Content-Lieferanten zurück, durch das erst viele brauchbare Angebote entstanden.

"Wir glauben nicht, dass wir wissen, was unsere Kunden wollen", sagt Brown, "wir finden es heraus durch die Organisation vieler Versuche und Irrtümer. Wir haben unsere Wertschöpfungskette für Content-Lieferanten geöffnet und teilen uns Risiko und Ertrag." Inzwischen sei dieser Markt mit einer Milliarde Kronen (127 Mio. Euro) nach Umsatz größer als der Internet-Werbeumsatz in Norwegen.

Neue Angebote

Die am meisten nachgefragten Angebote basieren weiterhin auf SMS, die mit leicht bewerbbaren vierstelligen Nummern zu wählen sind - viele Firmen haben ihren Brand rund um ihre SMS-Nummer aufgebaut. Nicht wenige findige Norweger wurden "mit kreativen, guten Angeboten Millionäre", sagt Brown.

Regulatorbestimmungen in Österreich

"In Österreich scheitern viele SMS-Angebote daran, dass wir aufgrund der Regulatorbestimmungen zehn- oder elfstellige Nummern brauchen. Das merkt sich kein Mensch", sieht One -Chef Jörgen Bang-Jensen eine wesentliche organisatorische Hürde dafür in Österreich. Und das zweite Problem: Durch hohe Werbekosten infolge der dominanten Marktstellung des ORF-TV würde niemand das Geld aufbringen, um entsprechende Angebot auch erfolgreich zu bewerben.

Das 24-Stunden-Büro

Der Übergang vom bisherigen Netz auf 3G erfolge "graduell, alles was man braucht, ist ein neues Telefon", beschreibt Brown: "Die Dinge funktionieren schneller und angenehmer für die Benutzer, aber es gibt nicht 50 neue Killerapplikationen." Für Geschäftskunden eröffne 3G die Möglichkeit, "überall ihr Büro aufzumachen", für Konsumenten wird das Angebot reichhaltiger, die Benutzung ist weniger textbasierend, dafür stärker wie am PC an Ikonen orientiert.

TV

Einer der Inhalte, "weil es Kunden leicht zu erklären ist", ist mobiles TV: Eine Hand voll TV-Stationen, darunter alle norwegischen Fernsehsender, sind sowohl "live" als auch mit "on demand"-Angeboten vertreten - minutenweise oder im Abo zu bezahlen, wobei ein Abo 29 Kronen (3,7 Euro) pro Woche kostet, Datenverkehr inklusive. Nebst TV gibt es die übliche Palette an Angeboten, von Videotelefonie bis zu Musikdownloads.

Kaum Musikdownloads

Auf Musikdownloads am Handy setzt Brown derzeit nicht viel Hoffnung : "Die Musikfirmen kassieren 70 Prozent der Gebühr, das lässt ihren Partnern praktisch keinen Spielraum, selbst zu verdienen". Darum ist der Betreiber dabei, Alternativen zu entwickeln, wie eine Top-20-Show oder Radiosender im Abo-Betrieb. (Der Standard Printausgabe, 19./20.11.2005, Helmut Spudich aus Oslo)

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    Nordlichter bei der norwegischen Insel Kvaloya. Die Telekommunikations- branche freut sich über "Datenlichter" im hohen Norden

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