Großbritannien: Königlicher Wächter in Strumpfhosen

20. November 2005, 18:52
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Der Wächter der Queen im Parlament, der Black Rod, erscheint bei der Thronrede wie vor 400 Jahren

Auch die Queen müht sich, Großbritannien modern aussehen zu lassen, ihr Wächter im Parlament, der Black Rod, trägt aber noch wie vor vierhundert Jahren wollene Strumpfhosen, wenn er einmal pro Jahr die Mitglieder des Unterhauses zur Thronrede holt.

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Erwartet wird, einmal im Jahr mit einem grazilen Stab gegen eine alte Holztür zu klopfen; zielsicher, idealerweise so, dass immer der selbe, von Kerben gezeichneten Fleck getroffen wird. - So könnte, nur auf das Wesentlichste beschränkt, die Stellenanzeige lauten, falls der Posten des "Gentleman Usher of the Black Rod", kurz Black Rod, neu besetzt werden muss.

Immer dann, wenn die britische Königin das Parlament in die neue Legislaturperiode schickt - das wird das nächste Mal im November 2006 sein, heuer war es im Mai -, wenn also Elizabeth II mit viel Pomp ihre Thronrede hält, immer dann wird Sir Michael Willcocks zum Fernsehstar. Der Augenblick des Ruhms dauert zwar nur ein paar Sekunden, doch die Last der Verantwortung wiegt dafür umso schwerer. Es könnte ja manches schief gehen. Die teure Tür könnte splittern, um nur ein Beispiel zu nennen.

Aber der Reihe nach: Zunächst schreitet Willcocks wie ein Zeremonienmeister durch einen schwach erleuchteten Korridor des Parlaments. Er schreitet vom Oberhaus ins Unterhaus, von den Lords, die ernannt werden, zu den Commons, die das Volk wählt.

Die schlagen ihm die vorsorglich geöffnete Saaltür direkt vor der Nase zu, ein Symbol dafür, dass sich die stolzen "Gemeinen" vom Adel mitnichten schurigeln lassen. Nun muss der Abgewiesene seinen Stab dreimal gegen das Holz der Tür krachen lassen, erst dann darf er herein, um feierlich zu rufen: "Die Königin befiehlt diesem ehrenwerten Haus, Ihre Majestät unverzüglich im Hause der Lords aufzusuchen."

"Eine Frage der Übung" Vor vier Jahren, als er neu war, hat Willcocks noch sehr behutsam geklopft. Sein Stab ist kostbar, ein Kunstwerk aus Ebenholz und Gold, den wollte er bei seiner Premiere um Himmelswillen nicht ramponieren. Drinnen höhnten sie: "Wir können nichts hören!" Jetzt legt Black Rod Wert darauf, dass jeder Schlag mächtig hallt - "alles nur eine Frage der Übung".

Ins Deutsche übersetzt, bedeutet sein nobler, hochtrabender Titel nichts anderes, als dass er ein Türsteher (Usher) ist. Der Türsteher der schwarzen Rute, der Achtundfünfzigste auf diesem Posten. Der Erste bekam 1348 den Auftrag, eine verschlossene Tür zu bewachen, standesgemäß auf Schloss Windsor, wo König Edward III im Kreise der Ritter des Hosenbandordens ungestört Hof halten wollte.

Der dreifache Schlag gegen die Unterhauspforte wiederum geht auf Charles I zurück. Der stürmte anno 1642 wutentbrannt ins House of Commons, um fünf Rebellen festnehmen zu lassen. Das Quintett war vorgewarnt, der Monarch blamierte sich - und endete später auf dem Schafott.

Seitdem muss höflich angeklopft werden, wenn ein gekröntes Haupt von seinen Bürgern etwas begehrt. Ein Job für Sir Michael, der ja noch viel mehr ist als der Hüter der schwarzen Ebenholzrute. Ein Bote der Queen ist er, ihr Platzhalter, ihr Hausmeister. Er hat in Ordnung zu halten, was im verschnörkelten Parlamentspalast noch immer dem Hause Windsor gehört; die "Westminster Hall" zum Beispiel, eine majestätisch-düstere Halle, in der 2002 die Königinmutter aufgebahrt lag.

Erster Bewerber Als oberster Wachbeamter der Lords muss Sir Michael Besucherströme in geordnete Bahnen lenken, den Einlass kontrollieren und notfalls auch Installateure herbeitelefonieren, falls irgendwo eine Klospülung ausfällt.

"Ich bin der Erste, der sich bewerben durfte", erzählt der 63-jährige Willcocks, früher Dreisterne-General, "meine Vorgänger wurden noch automatisch vom Militär übernommen". Wenn das kein Zeichen der Moderne ist!

Nur die Amtskluft, die ist seit knapp vierhundert Jahren immer noch die gleiche. Neben Fliege und Frack gehören wollene Strumpfhosen dazu. Anfangs, als der neue Black Rod nicht gleich wusste, wie man sie elegant überstreift, da lagen seine Töchter vor Lachen fast auf dem Boden.

"Gehört mit zum Job", sagt Willcocks lakonisch und plaudert aus, wie es beim Bewerbungsgespräch lief. Er müsse sich darauf einstellen, komische Uniformen zu tragen; ob ihn das störe, wollten sie von ihm wissen. Die Antwort des hochdekorierten Soldaten kam wie aus der Pistole geschossen: "Ach was, komische Uniformen trage ich doch schon seit Jahren." (DER STANDARD - Printausgabe, 19./20. November 2005)

Frank Herrmann aus London
  • Bevor Queen Elizabeth II ihre Thronrede beginnen kann, muss Sir Michael Willcocks, der Black Rod, mit seinem historischen Ebenholzstab an die Tür des Unterhauses klopfen und die dortigen Politiker auffordern, ins House of Lords zu kommen.
    foto: frank herrmann

    Bevor Queen Elizabeth II ihre Thronrede beginnen kann, muss Sir Michael Willcocks, der Black Rod, mit seinem historischen Ebenholzstab an die Tür des Unterhauses klopfen und die dortigen Politiker auffordern, ins House of Lords zu kommen.

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