"Minopolis": Kinder schmeißen ihre Stadt

24. November 2005, 22:18
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Schülern und Experten diskutierten über Europas erste Kinderstadt, die am 26. 11. in Wien ihre Pforten öffnet

Eine Spieloase inmitten der "brutalen Realität": Bei der STANDARD-Debatte im Jugendtheater Dschungel diskutierten Schüler und Experten über Europas erste Kinderstadt "Minopolis", die am 26. 11. in Wien ihre Pforten öffnet.

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Wien - "Was Kinder im Stadtleben wirklich brauchen, wissen am besten die Kinder selbst," stellt Stephan Rudas, Psychiater und Psychotherapeut gleich zu Anfang der STANDARD-Debatte im Wiener Dschungel klar. Zum Thema "Brauchen Kinder eine eigene Stadt?" diskutierten unter der Leitung von STANDARD-Redakteurin Bettina Reicher außerdem die Chefin der Clowndoctors "Rote Nasen" Monica Culen, Gert Czermak vom österreichischen Kinderschutzbund, Schüler Igor Mitschka (13) sowie Ursula Gastinger, Geschäftsführerin der ersten europäischen Kinderstadt "Minopolis" in Wien.

Bei dem acht Millionen Euro Projekt der Soravia Gruppe in der Donaustadt, sollen Kinder zwischen vier und 12 Jahren auf 6000 m² erleben, wie die westliche Gesellschaft funktioniert: Als Kanalreiniger Eurolinos verdienen, um sie beim Bäcker für Brötchen auszugeben. "Der Respekt vor jeglicher Arbeit soll vermittelt werden", sagt Gastinger.

Der jüngste Podiumsgast Mitschka, der es laut Rudas am besten wissen muss, attestierte den Veranstaltern "guten Willen" und sieht das Projekt als schöne Spielstätte. Dennoch will der Gymnasiast die Kinderstadt lieber im "echten Leben" verwirklicht wissen. Statt einer Stadt "für" Kinder, wünscht er sich eine Stadt "von und mit" Kindern: "Wien muss Kinder in die Stadtpolitik einbinden," verlangt der Dreizehnjährige.

Czermak freut sich über das Projekt, merkt als Jurist aber kritisch an, "dass es ein Gefängnis, jedoch kein Gericht gibt." Er möchte den Kindern auch in Minopolis ihre eigenen Rechte vermittelt wissen, damit sie sich vor jeder Art von Gewalt schützen können: "Die reale Welt ist eine sehr brutale".

"Die Schönheit der kindlichen Unbeschwertheit in einem beschützen Raum", dürfe dadurch nicht eingeschränkt werden, wirft Culen ein. Czermak beschwichtigt amüsiert, er wolle ja keine Rechtsvorlesung in der Kinderstadt abhalten, sondern aufklären.

Die Realität spielen Gastinger: "Ich freue mich über alle Anregungen. Jetzt wollen wir einmal erfolgreich starten - das soll aber eine Stadt sein, die lebt und wächst." Neue Ideen, auch von Kindern, gebe es bereits. Möglicherweise könnten die jungen Bewohner auch bald als "Rote Nasen"-Clowns im Spital zum Einsatz kommen. Culen fände solche Erweiterungen sinnvoll: "Kinder sollen auch die andere Seite von Erziehung, etwa als Lehrer, spielerisch erleben können".

Dass Minopolis kein Tummelplatz von Eliten werden solle, versichert Gastinger einer Besucherin, welche die 12 Euro Eintritt als sozial ungerecht empfindet. "Die Preise sind gut gestaffelt, Schultarife mit der Stadt Wien abgestimmt." Auf eine andere Publikumsfrage, ob die 25 Themenstationen für Vierjährige nicht zu komplex seien, kontert Gastinger gelassen, dass "die Kleinsten andere Aspekte erleben als Ältere." Die Neugier sei schon vor dem Kind da gewesen, ergänzt Rudas.

Dass echte Städte aus dem Projekt lernen können, sind sich alle Diskutanten einig. "Die gespielte Stadt muss in die echte eingebunden werden", verlangt Rudas. "Es hilft dem Integrationsgedanken nicht weiter, wenn jeder seine eigene Stadt bekommt." (Georg Horvath, DER STANDARD - Printausgabe, 19./20. November 2005)

Georg Horvath ist Mitarbeiter beim UNISTANDARD.
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