No sex, please!

19. November 2005, 20:56
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Asexuelle definieren sich über ihren Mangel an Lust - und sind noch eine relativ wenig erforschte Spezies

Nur wer Sex hat, ist auch tatsächlich glücklich, heißt es. Asexuelle behaupten das Gegenteil. Sie definieren sich über ihren Mangel an Lust.

Zum Beispiel: Tamara (24). Dass sie anders als andere tickt, fiel ihr erstmals in der Pubertät auf. Während es ihren Freundinnen damals ums Flirten, Schmusen und den ersten Sex ging, ließen Tamara diese Sachen vollkommen kalt. Mit der Zeit wunderte sie sich auch über sich selbst, wagte mit 16 erste Versuche: "Küssen fand ich noch ganz okay, obwohl mir die Schmetterlinge im Bauch und das Kribbeln abgingen, von denen alle erzählt haben", erinnert sie sich und dachte schließlich, sie wäre vielleicht lesbisch.

Mit 20 hatte sie zum ersten und einzigen Mal Sex mit einem Mann, aus Neugierde, sagt sie, und weil sie wissen wollte, worum sich die ganze Welt dreht. Spätestens seit damals weiß sie: "Ich brauche Sex nicht, es gibt mir nichts" - und stand mit dieser Erkenntnis in einer durch und durch sexualisierten Gesellschaft erst einmal ziemlich alleine da.

Denn ein Faktum ist: Es ist leichter über Sexorgien, offene Partnerschaften, die Schwulenbewegung, Swingerclubs, Partnerbörsen im Internet oder Sadomaso-Praktiken zu sprechen als darüber, kein Interesse an Geschlechtsverkehr zu haben.

Aus reinem Zufall stieß Tamara, die Pädagogik in Wien studiert, dann im Fernsehen auf einen Beitrag über Asexualität, erfuhr von der Internetplattform AVEN (siehe Kasten auf Seite A 2), loggte sich ein und fand dort endlich ein paar Menschen, die ähnlich wie sie empfinden. Heute definiert sie sich als asexuell und ist froh, dass ihre Gefühle, ihr "Nichtempfinden", wie sie es nennt, endlich einen Namen bekommen haben.

Ungefähr ein Prozent der Menschen, so schätzt die Forschung, ist asexuell - andere bezweifeln diese Zahl (siehe Interview oben). Es gibt allerdings nur wenige Studien. "Asexualität wurde wenig untersucht, weil es im Gegensatz zu anderen sexuellen Orientierungen wie etwa der Homosexualität ein wenig extrovertierter und schwer identifizierbarer Ausdruck von Sexualität ist", sagt Anthony Bogaert, Sexualforscher an der Brock-Universität im kanadischen St. Catherines, und vermutet dafür auch historische Gründe, zumal enthaltsames Leben in vielen Kulturen bis heute oft auch als Tugend wahrgenommen wird. Mit seiner 2004 im Journal of Sex Research publizierten Studie betrat Bogaert Neuland. Seine Methode: Auf Grundlage einer 1994 in Großbritannien durchgeführten allgemeinen Befragung zu sexuellen Gewohnheiten wertete Bogaert die vorhandenen Daten unter neuen Gesichtspunkten aus.

Sein Ergebnis: Rund ein Prozent der 18.000 befragten Menschen behaupteten, "sich noch nie von jemandem sexuell angezogen gefühlt zu haben". Im Vergleich: Rund drei Prozent der Menschen definieren sich über gleichgeschlechtliche Anziehung. Sylphia Pagan Westphal wagte im New Scientist unter dem Titel "Glad to be A" schließlich eine breite Betrachtung dieses Themas und trug damit zu einer Enttabuisierung bei, die für Menschen wie Tamara unendlich befreiend wirkte. Demnächst wird Bogaert neue Arbeiten über Definition und Konzept von Asexualität publizieren, im Frühjahr will er ins Labor, um den Zusammenhang von physischer Erregung und sexueller Stimulation bei Asexuellen zu erforschen.

Denn asexuelle Menschen sind nicht - wie ihnen oftmals unterstellt wird - gefühllos. "Liebe hängt nicht mit Sex zusammen, für mich bedeutet eine emotionale Beziehung viel mehr", sagt Tamara, die sich durchaus vorstellen kann, eines Tages mit einem Partner, der ihre Lebensform akzeptiert, eine Familie zu gründen. Sie ekelt sich ja nicht vor Sex, wenn er die Ausnahme bleibt.

Unter ihrem User-Namen mayina trifft Tamara auf der Webseite www.asexuality.org/de Gleichgesinnte, chattet mit ihnen und lernt so selbst immer neue Aspekte dieser (a)sexuellen Spielart kennen. Sie will sich in Zukunft für das Thema stark machen, sagt sie, will andere unterstützen, eventuell sogar bald schon ein Treffen in Österreich organisieren. Und genau darum geht es auch AVEN-Gründer David Jay. Er kämpft dafür, dass der Mangel an Lust nicht als Defekt, sondern als sexuelle Orientierung neben Hetero-Homo- oder Bisexualität akzeptiert wird. Als Aufklärungsmaßnahme lassen sich T-Shirts auf der AVEN-Website bestellen. Was da draufsteht? Natürlich: "No sex, please". (Karin Pollack/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20. 11. 2005)

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    foto: photodisc
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