STANDARD-Interview: "Vorboten einer Entwicklung"

Redaktion
18. November 2005, 20:28

Sexualwissenschafter Volkmar Sigusch über Lustlosigkeit und Höhepunkt des sexuellen Zeitalters

STANDARD: Herr Prof. Sigusch, was ist ein Asexueller?

Volkmar Sigusch: Es gibt keine verbindliche Definition. Bisher ist Asexualität keine klinische Angelegenheit, sie wird nicht als Störung oder Krankheit geführt. Die Medizin hat die Asexualität Gott sei Dank noch nicht in ihren Kanon aufgenommen.

 

STANDARD: Kann man Menschen als asexuell bezeichnen, die kein sexuelles Empfinden haben?

Sigusch: Das wäre zu einfach. Es gibt tausend Möglichkeiten, warum sich jemand real asexuell verhält. Es fallen Menschen darunter, die sich nur selbst befriedigen, die perverse Wünsche haben, die sich nicht realisieren lassen, die Angst vor diesen Wünschen haben und sie verleugnen usw.

STANDARD: Warum war Asexualität bisher kein Thema für die Medizin?

Sigusch: Wenn die Medien so weitermachen, dann wird das in den medizinischen Kanon aufgenommen werden. Das befürchte ich zumindest.

STANDARD: Warum befürchten Sie das?

Sigusch: Ich bin dafür, dass man möglichst vieles, was sich sexuell manifestiert, aus den Katalogen der Pathologisierung heraushält. Ich erzähle nur ein Beispiel: Albert Eulenburg, ein großer Arzt und Sexualforscher, der die Medizin-Enzyklopädie seiner Zeit zu verantworten hatte, schrieb vor hundert Jahren, dass der Mann die Fellatio nicht aushält: Er würde dadurch impotent werden. Freud beschrieb Oralverkehr auch als pervers. Solche Pathologisierungen verursachen nur Schäden. Deswegen sage ich: Hände weg von den Asexuellen.

STANDARD: Die Fellatio setzte sich trotzdem als normale Sexualpraktik durch.

Sigusch: Aber das hat lange gedauert. Bis in die 50er-Jahre vertrat man etwa die Ansicht, dass das "Weib" gar keinen Orgasmus haben kann. Masturbierte eine Frau, wurden die Klitoris oder die kleinen Schamlippen beschnitten. Solche Ansichten mussten erst mühsam niedergerungen werden.

STANDARD: Asexualität ist derzeit aber ein großes Thema. Auch Interessenvertretungen gibt es bereits.

Sigusch: Im "Journal of Sex Research", später im "New Scientist" gab es Artikel zum Thema, daraufhin haben sich die Medien darauf gestürzt. Es ist weniger ein Thema der Fachwissenschaft.

STANDARD: Wird zu viel Aufsehen gemacht? Amerikanische Wissenschafter nannten aber die Zahl von einem Prozent Asexueller in unserer Gesellschaft.

Sigusch: Ich bestreite, dass es so viele sind. Die Studie, die Sie zitieren, wurde im Umkreis der Aids-Prävention durchgeführt. Hier wurden Menschen als asexuell bezeichnet, die im letzten Jahr keinen Geschlechtsverkehr hatten. Eine solche Position verzerrt das Ergebnis sehr.

STANDARD: Kann man das Phänomen Asexualität als eine Gegenreaktion auf die Sexualisierung unserer Gesellschaft verstehen?

Sigusch: Ich denke, ja. Ich empfinde es als "gesunde" Reaktion auf die totale Durchdringung unserer Gesellschaft mit Sex. Verwunderlich ist nur, dass diese Entwicklung nicht bereits früher eingetreten ist.

STANDARD: Wann sind Sie in Ihrer Laufbahn als Sexualwissenschafter mit Asexuellen konfrontiert worden?

Sigusch: Sehr oft mit dem Phänomen der Lustlosigkeit. In unseren Ambulanzen beschäftigen wir uns seit 15 Jahren damit. Auch bei jungen Männern, die körperlich vollkommen gesund sind. Bei Frauen ist Lustlosigkeit oft keine Störung, sondern das Resultat, wenn sich die Geschlechter nicht verständigen können über ihre Wünsche.

STANDARD: Deckt sich das, was Sie als Lustlosigkeit beschreiben, mit dem Phänomen der Asexualität?

Sigusch: Hier muss man aufpassen. Resultiert Lustlosigkeit aus einer Unvereinbarkeit zweier Menschen oder Geschlechter, dann würde ich das nicht als Asexualiät bezeichnen.

STANDARD: Wann sollte man Hilfe suchen?

Sigusch: Wenn jemand das Bedürfnis hat. Ich hatte den Fall, dass ein junger, gesunder Mann keinerlei sexuelle Reaktion zeigte. Wir maßen sogar die nächtlichen Schwellungen am Penis, die fehlten. Das ist der äußerste Punkt an Asexualität. Doch auch in dem Fall kommt es auf den Betroffenen an, ob das ein Problem ist oder nicht.

STANDARD: In dieser Studie gab es eine größere Zahl an Frauen, die asexuell sind, als an Männern. Warum ist das so?

Sigusch: Weil es einen Nachhang gibt aus einer Zeit, als Frauen als Genus desexualisiert worden sind. Von den Theologen über die Philosophen bis hin zu den Medizinern vertrat man bis in die 1930er-Jahre die Ansicht, dass Frauen gar keine Lust empfinden können. Dieses Konstrukt und Vorurteil wurde erst in den vergangenen fünfzig Jahren mühsam abgebaut.

STANDARD: Für viele wird Asexualität im Alter zum Problem.

Sigusch: Ich empfinde es nicht schön an unserer Kultur, dass alte Menschen all das haben wollen, was auch die jungen haben. Es gibt eine sexuelle Rückläufigkeit, was die Frequenz als auch die Ausdauer anbelangt. Ich rate niemandem zu einer technologischen Anheizung.

STANDARD: In einem Artikel fragten Sie sich kürzlich, ob sich das sexuelle Zeitalter derzeit genauso zu Ende neigt wie das soziale. Das ist eine gewagte These.

Sigusch: Die Sexualität ist sehr banal geworden, das sexuelle Zeitalter, das vor 200 Jahren begann, ist an einem Höhepunkt angekommen. Ich denke, die Ekstase könnte bald nicht mehr im Sex, sondern in der Gewalt gefunden werden.

STANDARD: Sind Asexuelle Vorboten dieser Entwicklung?

Sigusch: Sie sind ein Anzeichen für das Ende des sexuellen Zeitalters, aber Asexuelle haben nichts mit Gewalt zu tun. Das muss man strikt trennen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20. 11. 2005)

Volkmar Sigusch ist Direktor des Frankfurter Instituts für Sexualwissenschaft. Zuletzt erschien von ihm "Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion" (Campus).

Das Interview führte Stephan Hilpold

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21 Postings
ps

@herrn hilpold: zum oralsex gehört auch cunnilingus und der ist genau so "normal" wie die fellatio. auch wenn das noch nicht im bewusstsein aller ist.

..nur der vollstädnigkeit halber und weil auch frauen den standard lesen.

Soviel ich weiss hat Asexualität eine recht lange Tradition von Pathologisierungen. Bereits Krafft-Ebing bezeichnet Fälle mit "Anaesthesia sexualis" (fehlender Geschlechtstrieb) als "degenerative Existenzen" (Psychopathia sexualis). Heute trifft wohl die Bezeichnung "Appetenzstörung" am ehesten zu. Und wenn sich ein sexueller und asexueller Partner zur Sexualtherapie gehen und über sexuelle Inkompatibilität reden, ist es nicht unbedingt der sexuelle Partner, der Extrasitzungen bekommt ;)
Ich denke, ein Todschweigen von Asexualität würde diese nicht nur in der Domäne des Pathologischen belassen, sondern macht auch eine gezielte Partnersuche von Asexuellen untereinander unmöglich.

Kein Sex...

ist ja auch schon wieder Sex.

also bitte, asexuelle gab es doch sicher schon immer. immerhin sind auch früher schon leute ins kloster und haben freiwillig keusch gelebt.
der mensch ist eben ein vielschichtiges und komplexes geschöpf, und einige haben sicher durchaus die emotionale und geistige stärke ihre sexualität zu "besiegen" und daher keine mehr zu brauchen.

die menschheit sollte wirklich langsam lernen, dass sie nunmal sehr vielseitig ist und das auch akzeptieren. unsere welt wäre viel besser, würden sich die meisten auch mal in andere versetzen können.

das ende des sexuellen zeitalters

nicht bös sein aber :

was für ein Schwachsinn

Dochdoch, das Ende des Sexes ist nah.

Wir sollen uns nicht mehr fortpflanzen, deshalb werden wir unerregbar.

bitte nicht von sich selber

auf die Allgemeinheit schließen!

Ganz meine Meinung

Ich frage mich, wie da wieder mal ein Trend von einer vielleicht Pseudowissenschaft kreiert wird. Weil es schon langsam langweilig wird, immer über die sexuelle Promiskuität und dergleichen zu schwafeln, muss mal wieder die sexuelle Abstinenz ausgegraben und irgendwie wichtig und trendig gemacht werden. Früher hat ja auch die von der Kirche und auch anderen Institutionen verlangte sexuelle Enthaltsamkeit die Sexualität erst wieder reizvoll gemacht. Was mich aber interessieren würde: Was erforscht die "Sexualforschung" eigentlich, und wie erforscht sie es? Für mich stellt sich die Sexualität ganz anders dar: Wohin man sieht: Leute lieben sich, umarmen und küssen sich, und das wird in ihren Betten nicht anders sein. Zm Glück!
Helmut Schiestl

:-)) Der großen Göttin sei Dank!

Sehr interessant!

Dennoch sind Menschen die masturbieren, weil ihre eigentlichen Neigungen nicht praktikabel sind genausowenig asexuell wie alte Menschen. Die Verneinung von Sexualität aufgrund gesellschaftlicher Dogmen führt nicht zur Asexualtät sondern zur (gefährlicheren) unterdrückten Sexualtät. Der angeführte Mann, der keine Form der sexuellen Reizbarkeit kennt ist das passende Beispiel hierfür.

Wie kommst Du darauf das Asexuell eine Unterdrückung der Sexualität darstellt. Wo nicht ist, kann auch nichts unterdrückt werden.

Oder ist das ein Versuch Asexualität als Gefahr einzustufen, da erhöhtes Gewaltpotential, wg. fehlendem Sex ? Das würde in miese Bild der österr. Psychiatrie passen.

Er(Sie) hat vermutlich gemeint, dass nur

"der angeführte Mann, der keine Form der sexuellen Reizbarkeit kennt (ist) das passende Beispiel hierfür(ist)."...für den Asexuellen.

Die anderen sind Bsp. für unterdrückte Sexualtät.

"Der angeführte Mann, der keine Form der sexuellen Reizbarkeit kennt ist das passende Beispiel hierfür."

für unterdrückte Sexualtät?

für ein Hormonproblem

Kein Hormonproblem einfach keine Lust -weder auf Frauen noch auf Männer!

Das ganze ist ein Krampf!

Schön, dass man wieder einen Trend gefunden hat

den man medial ausschlachten kann.

Nach dem Laufguru Dr. Ulrich Strunz kommt der Antisexguru Dr. Volkmar Sigusch.

Den Dr. Sigusch

nach diesem Interview als "Antisexguru" zu bezeichnen, ist doch wohl mehr als bescheuert.

der Herr promotet wohl in erster Linie sein Buch

"Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion" (Campus)."

hihi

ja zu den postings vom karli auf allen möglichen gebieten (politik und rassismus würd ich empfehlen, fussball is auch ok) sind mir auch schon bestimmte definitionen eingefallen.

freut mich

Ihre geschätzte Aufmerksamkeit erregt zu haben!

Schreiben Sie öfters in diesem Forum?

Schön, dass man wieder einen Trend gefunden hat

den man medial ausschlachten kann.

Nach dem Laufguru Dr. Ulrich Strunz kommt der Antiesxguru Dr. Volkmar Sigusch.

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