Gudrun Pausewang: "Die Wolke"

18. November 2005, 20:11
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In dem, mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten, Buch kommt es zum GAU in einem deutschen Atomkraftwerk

Leicht macht es Gudrun Pausewang ihren Lesern bestimmt nicht. Aber darum geht es ihr ja gerade. Die inzwischen 77-jährige Schriftstellerin will in ihren vielen Büchern, in denen sie immer wieder vor der Gefährdung der Menschheit durch Krieg und Umweltzerstörung warnt, aufrütteln und Veränderungen herbeiführen.

Das mag heutzutage, wo Pazifismus und "grüne Themen" als ein bisschen altmodisch gelten, nicht mehr angesagt sein. Doch der Erfolg der streitbaren Autorin, die erst mit 70 Jahren über "Vergessene Jugendschriftsteller der Erich-Kästner-Generation" promoviert hat, beweist das Gegenteil.

Das gilt auch für Die Wolke, das Gudrun Pausewang (eigentlich Gudrun Wilcke) noch unter dem frischen Eindruck der Tschernobyl-Kastastrophe 1987 schrieb. In dem, mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten, Buch kommt es zum GAU in einem deutschen Atomkraftwerk.

Aus der Sicht der 14-jährigen Janna-Berta wird das sich anbahnende Inferno mit allen seinen fürchterlichen Folgen, dem Versagen des Staates und seiner überforderten Politiker geschildert - bei aller Tragik packend und einfühlsam. Dabei müssen die Leser, ob jugendlich oder erwachsen, einiges verkraften.

Die beiden kleinen Brüder von Janna-Berta überleben die Katastrophe ebenso wenig wie ihre Eltern, ihre liebste Großmutter und ihre beste Freundin. Sie selbst wird strahlengeschädigt in einem Nothospital mehrere Wochen lang versorgt, sie verliert ihre Haare. Sie ist nun eine "Hibakusha", wie die überlebenden Opfer der Atombombenabwürfe in Japan genannt werden.

Vor den Lebensmittelläden stehen lange Schlangen, weil gerade Milchpulver aus den USA eingetroffen ist, Turnhallen und Lagerhallen sind mit Flüchtlingen überfüllt.

Allmählich sprießen bei Janna-Berta auch wieder Härchen auf dem Kopf, so dass sie es wagt, nach Hause in das Dorf Schlitz zu fahren, das außerhalb der Todeszone liegt. Dort sind ihre Großeltern Hans-Georg und Berta aus dem Mallorca-Urlaub zurück, nichts ahnend vom Ausmaß der Katastrophe und vom Tod der Verwandten. Sie wollen auch nichts wissen und machen sich über die allgemeine "Hysterie" lustig. Da reicht es Janna-Berta, sie reißt ihre Mütze herunter und beginnt zu sprechen. (DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.11.2005)

Von Ralf Husemann
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    foto: süddeutsche junge bibliothek
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