"Me and You and Everyone We Know": Wege aus dem Schneckenhaus

18. November 2005, 19:49
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Derzeit im Kino: Miranda Julys Spielfilmdebüt "Me and You and Everyone We Know"

Wien - Die Länge der Beziehung gibt der Gehsteig vor. Zu Beginn des kurzen Weges bis zur nächsten Straßenkreuzung sind Christine (Miranda July) und Richard (John Hawkes) voneinander angezogen und malen sich im Dialog ein gemeinsames Leben aus. Ungefähr in der Mitte der Strecke, ein Schild dient als Markierung, stellt sich die Frage, wie es mit den beiden weitergeht. Ist man bereits am Anfang vom Ende angekommen, oder wechselt man bei der nächsten Weggabelung überhaupt erst in die Wirklichkeit?

Einbildung ist in Me and You and Everyone We Know, dem Spielfilmdebüt der US-Multimediakünstlerin Miranda July, jener Teil der Realität, der sich dann meistens nicht bewahrheitet. So endet auch die Szene der Begegnung zwischen den beiden Hauptfiguren eher abrupt in dem Moment, wo die erste Anbahnung von Intimität brüsk abgewehrt wird. Die beiden kennen sich schließlich gar nicht. Richard weist Christine mit der Begründung ab, er könne genauso gut ein Kindsmörder sein.

In Wahrheit ist Richard Schuhverkäufer, lebt seit Kurzem von seiner Frau getrennt und findet zu seinen Kindern Peter und Robby, die ihre Freizeit hauptsächlich im Internet verbringen, kaum Zugang. Christine chauffiert dagegen mit ihrem Taxi ältere Mitbürger durch die Suburbia, arbeitet aber insgeheim an ihrem Projekt, Künstlerin zu werden - eine selbstreflexive Note des Films, die July für einige weniger gelungene Seitenhiebe in Richtung Kunstbetrieb nutzt. Zu offensichtlich werden nämlich der fehlende Sachverstand und die emotionalen Verirrungen der örtlichen Kuratorin ausgestellt.

Gewitzte Vignetten

Viel überzeugender ist da schon die Art und Weise, mit der Julys auf dem Sundance-Festival ausgezeichneter Film rund um Figuren exzentrische erzählerische Vignetten formt. July blickt dabei nicht mit der ironischen Distanz eines Todd Solondz (Happiness) auf die in ihre Einsamkeit verschanzten Vorstadtwesen, sie entdeckt vielmehr in jedem von ihnen eine Einzigartigkeit, einen eigenen Rhythmus. Kurze, eigenwillige Einlagen - wie etwa das Schicksal eines Goldfischs auf einem Autodach - verleihen dem Film ein Pathos, das den Alltag transzendiert, ihn augenblicklich für größere Fragen öffnet.

Das verbindende Thema der Episoden bleibt die Unfähigkeit der Figuren, aufeinander adäquat zu reagieren. Sie setzen zu viel oder eben auch zu wenig aufs Spiel, sie treten die Offensive oder den Rückzug im falschen Moment an. Ihre latenten Wünsche und Fantasien drücken sie nur dann aus, wenn sie mit sich allein sind - etwa so wie Christine, die in ihren Videoarbeiten auch ein Medium für ihre eigene Befindlichkeit gefunden hat.

Me and You and Everyone We Know beschreibt Wege, die kommunikativen Unzulänglichkeiten zu überwinden. July will ihre Figuren aus ihrem Schneckenhaus herausführen, auch indem sie ihnen die Möglichkeit gibt, sich zu artikulieren. Sie sucht Fluchtlinien aus der Subjektivität, um eine Brücke vom "Me" zum "You" zu schlagen. (DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.11.2005)

Von Dominik Kamalzadeh
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    Die Protagonisten Richard (John Hawkes) und Christine (Miranda July) in "Me And You and Everyone We Know"

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