Die Geschichte eines Hauses

30. November 2005, 20:42
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Schiedsinstanz: Republik soll das Haus Schmidgasse 14 in Wien-Josefstadt an die Erben zurückgeben

Das Schreiben an Bundeskanzler Wolfgang Schüssel war am Freitag schnell diktiert. "Wir ersuchen höflich um eheste Mitteilung, wann mit der Rückstellung gerechnet werden darf", fragt der Wiener Rechtsanwalt Gabriel Lansky darin freundlich nach.

Seit Kurzem liegt ihm der Spruch der Schiedsinstanz für Naturalrestitution (siehe Wissen) zu einem der von ihm betreuten Fälle vor. Und der ist eindeutig: Das Gremium empfiehlt die Rückstellung der Liegenschaft Schmidgasse 14 in Wien-Josefstadt. Der Entschädigungsfonds lieferte auch den Grund für den Spruch nach: Der Vergleich zwischen der Republik und den Sammelstellen im Jahr 1966 war extrem ungerecht.

"Niemand in unserer Familie hat damit gerechnet, dass das klappt", sagt Marc Richter, Sohn einer der sieben Antragsteller, zur Entscheidung der Schiedsinstanz. Seine Familie, die sich um die Rückgabe des Hauses bemüht hat, sei "positiv überrascht". Auch die 95-jährige Großmutter, die "stark mit Wien verbunden ist", sei "überglücklich".

Die unrühmliche Geschichte um das Haus Schmidgasse 14 begann im Jahr 1938. Bis dahin betrieb der Arzt Lothar Fürth ein Sanatorium, heute würde man sagen, eine Geburtsklinik. Bis zur "Arisierung" 1938. Im April des gleichen Jahres nahmen sich Lothar Fürth und seine Frau Susanne das Leben. Es gab zwar Verwandte, die waren aber selbst der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt. Niemand trat die Erbschaft an. Die Liegenschaft wurde an die Wehrmacht verkauft. 1945 erfolgt die Beschlagnahmung durch die US-Truppen. Bis heute sind in dem Haus US-Institutionen eingemietet, der Besitzer ist jedoch die Republik Österreich.

1960 gab es zwar auf Antrag der Sammelstellen für "erbloses Vermögen" ein Rückstellungsverfahren. Republik und die Sammelstellen einigten sich 1966 endgültig auf eine Abfindung in Höhe von 700.000 Schilling. Der Wert der Liegenschaft betrug laut einem damaligen Gutachten aber über sechs Millionen Schilling.

Nach Ansicht der Schiedsinstanz begründet diese Differenz für sich genommen zwar nicht das Vorliegen einer extremen Ungerechtigkeit, "kann aber als Indiz für eine solche gewertet werden". Wie wäre das Verfahren geführt worden, hätte es damals schon bekannte Erben gegeben? Laut Schiedsinstanz hätten die Behörden damals zur Auffassung kommen müssen, dass der Anspruch auf Rückstellung zu Recht bestand - das Gegenteil war der Fall.

Unzufrieden mit dem staatlichen Vertreter ist Anwalt Lansky auch heute: Die Finanzprokuratur hätte die Rolle als Verteidiger der Republik "völlig missverstanden", ihr Stil sei "grauenhaft gewesen". Nun wartet der Rechtsanwalt auf eine "angemessene Reaktion Österreichs". Der Staat sollte angesichts des Gedenkjahres ein Zeichen setzen und die Naturalrestitution von der Rechtsfrieden-Klausel des Entschädigungsabkommens entkoppeln, damit "die wenigen noch überlebenden Antragsteller diese Restitution noch erleben können". Ein Satz, der sich auch im Brief an den Bundeskanzler findet.

Für neuerliches Aufsehen könnte die Schiedsinstanz nächste Woche sorgen. Da wird die Entscheidung über eine Restitution der Präsidentenvilla auf der Hohen Warte erwartet. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.11.2005)

Von Peter Mayr
  • Das Haus Schmidgasse 14 im 8. Wiener Gemeindebezirk gehört dem Bund, US-Institutionen sind eingemietet. Bis 1938 befand sich dort noch das Sanatorium Fürth.
    foto: christian fischer

    Das Haus Schmidgasse 14 im 8. Wiener Gemeindebezirk gehört dem Bund, US-Institutionen sind eingemietet. Bis 1938 befand sich dort noch das Sanatorium Fürth.

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