Alfred Rosenberg: Der Prediger des Hasses

25. November 2005, 17:11
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Der Historiker Ernst Piper hat eine profunde Biografie des Nazi-Ideologen verfasst

Oberflächlich betrachtet wird Paul Schultze-Naumburg ein ganz normaler Hochschullehrer gewesen sein. Erfahren in Lehre und Praxis verfasste der einstige Architekt des Schlosses Cecilienhof in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschiedene Einlassungen zum zeitgenössischen Bauen. Was ihn indes 1927 in seiner dem Titel nach harmlos erscheinenden Schrift Das flache und das geneigte Dach dazu trieb, dem "bolschewistisch-jüdischen Flachdach" den Kampf anzusagen, ist mit wissenschaftlichen Kriterien nicht zu erklären. Man möchte es als geistige Umnachtung abtun. Doch Schulze-Naumburg ist nicht der einzige Akademiker, der zu dieser Zeit wie im Fieberrausch klang.

Da ist etwa Philipp Lenard, angesehener Nobelpreisträger für Physik. Kurz nach der Machtergreifung der Nazis fängt Lenard an, von einer "arischen Physik" zu fantasieren. Zu Beginn der 30er-Jahre scheint der deutsche Wissenschaftsbetrieb nicht selten wie von einem Wahn befallen. Menschen, die zuvor die Gesetze der Logik gelten ließen, tauschten mit einem Mal Empirie gegen Ideologie. Erklärungen für dieses Phänomen gibt es viele. Eine trägt den Namen von Hitlers Parteiideologen Alfred Rosenberg.

Man hatte ihn an den Rand gedrängt. In den Kriegsverbrecherprozessen von Nürnberg in allen Punkten für schuldig befunden, wurde Rosenberg 1946 zum Tode verurteilt. Das Verhältnis der Geschichtsforschung zu Hitlers Ein-Mann-Thinktank war in den folgenden Jahrzehnten gespalten. Während etwa Joachim Fest in ihm lediglich einen harmlosen Trottel sehen wollte, dem es selbst innerhalb der NSDAP an Rückendeckung gefehlt hatte, haben andere in seinem Ideologiegebräu das tragende Fundament des NS-Staats gesehen. Wer den weltanschaulichen Unterbau der Nazis beschreiben wollte, der kam lange um das völkische Vokabular aus Rosenbergs Hauptschrift Der Mythus des 20. Jahrhunderts nicht herum. Vergessen wurde dabei allzu leicht, dass die nationalsozialistische Ideologie immer ein Cluster gewesen ist. Hier trafen sich Kitsch und Kunst, Gotik und Futurismus, Brutalität und Mode zu einem merkwürdigen Gemisch. Längst war es also an der Zeit, Rosenbergs Leben und Werk noch einmal einer neuen Betrachtung zu unterziehen.

Der Historiker Ernst Piper hat diese Herausforderung nun mit Bravour gemeistert. In seiner Biografie Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe gelingt es ihm nicht nur, eine nahezu lückenlose Charakterstudie des glühenden Antisemiten und Kommunistenhassers zu liefern; Piper bettet seine Hauptfigur zudem in ein detailliertes Zeitporträt ein.

1893 als Sohn eines baltendeutschen Kaufmanns in Riga geboren, kam Rosenberg am Ende des Ersten Weltkriegs als studierter Architekt nach München. Hier landete in dieser Zeit all der menschliche Treibsand, aus dem Adolf Hitler bald die Totengräber der Weimarer Republik formen sollte. Früh zeigte sich Rosenberg infiziert von einem geradewegs paranoiden Antisemitismus. Seine strenge Gesinnung und sein immer wieder als kalt beschriebener Charakter erleichterten ihm den Aufstieg in der nationalsozialistischen Bewegung. 1921 wurde er Redakteur des Völkischen Beobachters, zwei Jahre später dessen Hauptschriftleiter.

Während die SA die Straßen unsicher machte, kämpfte Rosenberg um die Hoheit über die Köpfe. Piper beschreibt ihn als einen verkrampften Vielschreiber, dem es bei seiner Arbeit nicht um Macht, sondern einzig um die Reinheit der brutalen Lehre ging. Dieser krampfhafte Glaube an Herrenrasse und nordische Ideologie brachte den späteren Reichsleiter Rosenberg, Beauftragter für die geistige und weltanschauliche Erziehung der NSDAP, nach 1933 in Konflikt zu anderen Parteigrößen. Besonders Goebbels, an dessen Ministerium die Reichskulturkammern angegliedert waren, hat sich früh auf den Dogmatiker eingeschossen. In seinem Tagebuch beschreibt er ihn als "Oberschlaumeier" und geißelt seinen rassischen Reinheitswahn: "Am Ende bleiben aus unserer Geschichte nur noch Widukind, Heinrich der Löwe und Rosenberg übrig. Das ist ein bißchen wenig."

In den Disputen mit dem Propagandaminister offenbart sich die ganze Schizophrenie der braunen Denkweise. Während Goebbels geneigt ist, den Nationalsozialismus an Strömungen der Moderne anzudocken, vertritt Rosenbergs "Kampfbund für deutsche Kultur" ein kleinbürgerliches Milieu, das ein agrarromantisches und großstadtfeindliches Weltbild propagiert.

Rosenberg zeigte sich immer wieder doktrinär und politisch religiös. Dies hinderte ihn nach Meinung Pipers zunächst daran, ein Ministeramt zu ergattern. Erst mit dem Überfall auf die Sowjetunion trat er aus seiner Rolle als Gehirn der Bewegung heraus. Als Minister für die besetzten Ostgebiete wurde der Erfinder der "Rassenseele" gebraucht - nicht in Bibliotheken und an Schreibmaschinen, sondern an vorderster Front von Hitlers Weltanschauungskrieg.

Zu Recht haben die Chefankläger in Nürnberg immer wieder danach gefragt, was Rosenberg von Holocaust und Vernichtungskrieg gewusst habe. Als Chef des Kunstraub-Kommandos und "Beauftragter für die Fragen des osteuropäischen Raums" war es beileibe mehr, als er damals zugeben wollte. Man mochte die Toten zählen und die geraubten Kunstgüter in Bruttoregistertonnen wiegen. Rosenbergs eigentliches Vergehen aber wird auch in Zukunft nicht messbar sein. Es bestand darin, eine wahnwitzige Ideologie entworfen und propagiert zu haben, die selbst von wissenschaftlichen Kathedern heruntergestottert wurde. (Ralf Hanselle/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20. 11. 2005)

Ernst Piper: "Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe"
€ 26,-/832 Seiten. Blessing, München 2005.

Ralf Hanselle lebt als Publizist in Berlin. Er schreibt für die "Financial Times" und die "Literaturen".
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