"Lernen kann ich"

20. November 2005, 20:31
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Barbara Dürnberger (18) geht, nach einer "Ehrenrunde" in der siebenten Klasse, in die 8c im Gymnasium Perchtoldsdorf - sie erzählt vom Nachzipf in ihrer Schulkarriere

Barbara ist erleichtert. Sie hat gerade die zweistündige Schularbeit in Darstellender Geometrie abgegeben, und zwar mit dem guten Gefühl, dass sich ein Vierer ausgehen würde. "In DG hab ich mittlerweile heraußen, wie es zu lernen ist", ist die 18-Jährige zuversichtlich, "und lernen kann ich".

Problemfächer Chemie und Mathe

Mangelndes Auffassungsvermögen war also nicht der Hauptgrund, warum Barbara die siebente Klasse im Gymnasium Perchtoldsdorf wiederholen musste. Vor allem das neu hinzugekommene Fach Chemie bereitete ihr damals Probleme. Ständige schriftliche Stundenwiederholungen, die es so lange zu absolvieren galt, bis man positiv war, trieben sie in einen Strudel: "Der Druck steigt bei jeder Wiederholung, ständig denkt man sich, ,die muss ich jetzt schaffen'". Und dann noch die Schwäche in Mathematik - aber da "war ich immer schon schlecht".

Zwei "Nachzipfe"

Am Jahresende brachte ihr das zwei "Nachzipfe" ein, der Sommer war damit gelaufen. Statt eines Ferienjobs stand Lernen am Tagesplan, auch mit Nachhilfeunterricht hat es Barbara damals versucht. "Gebracht hat mir das nichts. Es hilft mir mehr, wenn eine Freundin mir den Stoff erklärt. Sie weiß genau, wie es der Lehrer haben will und worauf er schaut." Doch auch die Hilfe der Freundin hat letztlich wenig genutzt: Am Montag vor Schulbeginn musste Barbara das mit den Worten "vielleicht ist es besser, wenn du dir den Stoff noch einmal genau anschauen kannst" zur Kenntnis nehmen.

Noch ein Jahr länger

An das frustrierende Erlebnis erinnert sie sich heute noch genau: "Ich hab mir nur gedacht: ,Noch ein Jahr länger in dieser Schule!' Das Herumgerede der beiden Mathelehrer wollte ich in dem Moment überhaupt nicht hören." Für das entschlusskräftige Mädchen, das überhaupt kein Problem damit zu haben scheint, über ihre holprige Schulkarriere zu reden, war die weitere Vorgehensweise damit jedenfalls klar: zunächst das Abmelden von der Chemienachprüfung, die für den nächsten Tag angesetzt war, und dann das Anmelden für die siebente Klasse des neuen Schuljahres.

Statt mit Panik reagierte sie mit Vernunft: "Ich hab mir gedacht, selbst wenn ich Chemie durch ein Wunder schaffe und für Mathe die Aufstiegsklausel bekomme - das ist es mir nicht wert." Denn die Matheschwierigkeiten würden sich so schnell nicht beheben lassen. Nach dem Vierer im Halbjahr "bin ich einfach nicht mehr mitgekommen", und das versäumte Wissen galt es für die Matura aufzuholen.

Ehrenrunde

Damit war es also besiegelt: Barbara würde ihre "Ehrenrunde" im Realgymnasium drehen. Furcht vor der Reaktion der Mitschüler? Nein, das wäre untypisch für Barbara. Erleichtert wurde ihr das Repetieren zudem durch das Wiedersehen mit alten Freunden. Zwei ehemalige Klassenkollegen, die in der Fünften durchgefallen sind, zwei Repetenten der Sechsten und drei Mitschüler, die gleichzeitig mit ihr zu so genannten "Sitzenbleibern" wurden, bildeten in der neuen Klasse einen Pool aus neuen, alten Weggefährten. "Ich habe mir das Klasse-Wiederholen viel schlimmer vorgestellt", sagt Barbara heute.

Neue Probleme beim zweiten Anlauf

Im zweiten Anlauf für die siebente Klasse begannen allerdings neue Probleme. Das Latein-Niveau unterschied sich deutlich vom ihr bisher bekannten, "darunter hab ich sehr gelitten". So endete das Schuljahr wie ein Jahr davor: mit der Nachricht, dass das neue mit einer Nachprüfung begonnen wird. Wenn Barbara heute darüber erzählt, ist von Lernfrust oder gar Schuldzuschreibung an die Lehrer nichts zu spüren, im Gegenteil: "Mein Lateinlehrer war total nett. Er hat mich irrsinnig gut vorbereitet, hat mir sogar seine eigene Grammatikmappe zum Lernen geborgt."

Den Ovid-Text hat sie zwei Monate später mit Erfolg übersetzt, mit ihrem historischen Wissen über Caesar kann Barbara heute noch glänzen. "Das ist total interessant" - so interessant, dass der Lateinprofessor sich schon genötigt sah, Barbara zu warnen, sie solle ja nicht auf die Idee kommen, in seinem Fach bei der Matura anzutreten. Denn auch wenn Barbara die Nachprüfung geschafft hat, mit den alten Problemen hat sie auch in der 8c zu kämpfen: Sowohl die erste Mathe-, als auch die erste Lateinschularbeit sind negativ.

Kein verlorenes Jahr

Doch Barbara hat verständnisvolle Eltern. Die Frage, ob ihre Familie ihr Druck macht, scheint sie eher zu verwundern. "Meine Mutter bewundert eigentlich, was wir mit 18 alles können. Sie ist der Auffassung, wenn ich die Klasse nicht schaffe, wiederhole ich eben." Und der Papa halte es mit dem Motto: "Du machst das schon, viel Glück!"

Barbaras nächstes Ziel ist es, die 8. Klasse positiv abzuschließen, alles, was danach kommt, ist für sie noch offen. Nur studieren will sie "auf keinen Fall". Lieber noch eine Sprache lernen, in einer Bank oder bei einer Zeitung arbeiten. Jedenfalls will sie "viel Kontakt mit Menschen haben". Und wenn man Barbara so zuhört, scheint das genau das Richtige für sie. Die Klassenwiederholung sieht sie in ihrem Lebenslauf nicht als verlorenes Jahr: "Das war eine gute Sache für mich", auch wegen des Lehrerwechsels. (DER STANDARD, Karin Moser, Printausgabe, 19.11.2005)

  • Ein Jahr länger in die Schule zu gehen war für Barbara Dürnberger (18) nur anfangs ein Schock. Heute empfindet sie die "Ehrenrunde" in der siebenten Klasse als "gute Sache", die ihr die Matura erleichtern soll.
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    Ein Jahr länger in die Schule zu gehen war für Barbara Dürnberger (18) nur anfangs ein Schock. Heute empfindet sie die "Ehrenrunde" in der siebenten Klasse als "gute Sache", die ihr die Matura erleichtern soll.

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