"Nicht reif für die Abrechnung"

20. November 2005, 14:33
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30 Jahre nach Francos Tod beginnt erst die Aufarbeitung der Diktatur

Madrid - Am Vorabend des 30. Todestages von Diktator Franco wollen seine treusten Anhänger im Tal der Gefallenen, seiner monumentalen Grabstätte, eine Messe zelebrieren. Für Sonntag sind in Madrid Demos von Anhängern und Gegnern angesagt, die Polizei befürchtet Zusammenstöße.

Die vonseiten der Republikaner in Regierungschef Zapatero gesetzte Hoffnung, die dunklen Jahre von Bürgerkrieg und Diktatur kompromisslos "aufzuarbeiten", hat sich nur zum Teil erfüllt. Zwar ordnete der Enkel eines Franco-Opfers die Schleifung des letzten Reiterdenkmals des kleinwüchsigen Diktators in Madrid an, doch erfolgte der Abtransport in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, "als wäre unsere Gesellschaft nicht reif für die Abrechnung", klagt Emilio Silva vom Verein zur Aufarbeitung des historischen Gedächtnisses (ARMH).

Die Aufarbeitung der jüngeren Geschichte, die mit dem blutigen Bürgerkrieg begann und in einer fast 40-jährigen Diktatur mündete, lässt auch 30 Jahre nach dem Tod Francos auf sich warten.

Unmittelbar nach dem Tod des Diktators einigten sich die Politiker aller Lager, die im Lauf des Bürgerkriegs begangenen Gräueltaten nicht zu ahnden - der "Pakt des Schweigens und Vergessens" wurde besiegelt.

Die Zeit der Revision sei gekommen, meinen die Angehörigen der Opfer. Zu ihren Forderungen zählen nicht nur die Aufhebung der "Unrechtsurteile" und die Zahlung von Entschädigungen, sondern auch die Finanzierung der Suche nach Massengräbern, in denen nach ARMH-Angaben noch mehrere tausend hingerichtete Republikaner verscharrt sind. Die Exhumierungen und Identifizierung der Toten werden zurzeit von den Angehörigen getragen. (man/DER STANDARD, Printausgabe, 19.11.2005)

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