EZB kündigt Zinserhöhung an

29. November 2005, 14:23
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Trichet: Bereit zu Entscheidung - Seit Juni 2003 Leitzinsen unverändert bei 2,0 Prozent - Börse reagierte mit deutlichen Abschlägen

Frankfurt/Main - Die Ära der niedrigen Leitzinsen in Europa geht ihrem Ende zu: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Finanzmärkte auf eine unmittelbar bevorstehende Zinserhöhung in der Eurozone eingestimmt. Überraschend klar kündigte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Freitag in Frankfurt einen solchen Schritt an.

"Nach zweieinhalb Jahren historisch niedriger Zinsen denke ich, dass wir bereit sind zu einer Entscheidung", sagte der Notenbank-Chef auf dem "European Banking Congress" in Frankfurt.

Eine Anhebung des seit Juni 2003 unverändert bei 2,0 Prozent verharrenden Leitzinses würde zwar einen Teil der für die Wirtschaft günstigen Umstände beseitigen. Die Geldpolitik werde aber weiterhin zu Wachstum und mehr Beschäftigung in der Eurozone beitragen, versicherte Trichet.

Sitzung Anfang Dezember

Der EZB-Rat kommt Anfang Dezember zu seiner nächsten Sitzung zusammen. Volkswirte zeigten sich überrascht von der klaren Aussage und dem Zeitpunkt. Einige von ihnen rechneten mit einer Anhebung der Leitzinsen zum nächsten Termin, andere erwarteten jedoch erst 2006 eine Erhöhung.

Nun gehen die Ökonomen davon aus, dass der wichtigste Leitzins zunächst um 0,25 Prozentpunkte auf 2,25 Prozent steigen wird, eine weitere Erhöhung aber erst in einigen Monaten folgt. Die Börse reagierte auf Trichets Äußerungen mit deutlichen Kursabschlägen. Durch Zinserhöhungen werden Kredite teurer.

Trichet hat sich bisher mit eindeutigen Ankündigungen zurückgehalten und stets die vorsichtigen Umschreibungen der Notenbanker genutzt. Zuletzt war von "großer Wachsamkeit" der EZB mit Blick auf die gestiegenen Inflationsrisiken die Rede. Am Donnerstag war der EZB-Rat zu einer turnusmäßigen Sitzung zusammengekommen und hatte sich dabei anscheinend auf die Zinserhöhung im Dezember geeinigt.

Erste Zinsanpassung

Trichet hat sein Amt im November 2003 angetreten. Unter seiner Ägide sind die Leitzinsen bisher noch kein einziges Mal angepasst worden. Die Ankündigung machte der Franzose während einer Podiumsdiskussion mit internationalen Bankern und dem Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Rodrigo Rato.

"Wenn die EZB jetzt noch einen Rückzieher machen würde, wäre das nur sehr schwer verständlich", meinte Commerzbank-Volkswirt Michael Schubert. Vom Zeitpunkt der Ankündigung zeigte er sich etwas überrascht. Er habe erwartet, dass die Notenbank erst die aktuellen Prognosen ihrer Experten für die Teuerungsrate 2006 und 2007 abwartet.

Im Oktober hatte die Inflation vor allem wegen der hohen Ölpreise bei 2,5 Prozent gelegen. Schubert vermutet, dass der Preisanstieg in der Eurozone gemäß den neuen Vorhersagen in den beiden kommenden Jahren über der Warnschwelle von zwei Prozent liegen wird.

Abwarten

Volkswirt Karsten Junius von der Deka-Bank rechnet damit, dass die EZB die Zinsen zunächst um einen Viertelprozentpunkt erhöhen und dann einige Monate abwarten wird. Einen weiteren Schritt erwartet er für März. Damit würde sich die EZB deutlich von der Geldpolitik der amerikanischen Notenbank Fed abheben, die die Zinsen Monat für Monat angehoben hatte.

Die Erhöhung der EZB könnte im Gegensatz dazu vor allem "symbolische Wirkung" haben, meinte Junius. Sie sollten zeigen, dass die Notenbank die Inflationsgefahren einzudämmen versuche, gleichzeitig aber die moderate wirtschaftliche Erholung nicht gefährden wolle.

IWF-Chef Rato hatte sich zuvor in Frankfurt zu einer möglichen Zinserhöhung kritisch geäußert. Es seien derzeit keine Zweitrundeneffekte durch höhere Löhne abzusehen. Auch gingen von der so genannten "Kerninflationsrate" nach seiner Auffassung noch keine Gefahren für die Preisstabilität aus. (APA/dpa)

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