Bis zu 30 Tote vor Sizilien

16. Dezember 2005, 09:40
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Bootsflüchtlinge bei Sturm ertrunken - 177 Menschen geborgen

Ragusa/Rom - Bei einer neuen Flüchtlingstragödie vor der Südküste Siziliens sind am Freitag bis zu 30 Menschen ertrunken. 177 erschöpfte Überlebende wurden von der italienischen Küstenwache geborgen. Zehn mussten wegen starker Unterkühlung ins Krankenhaus gebracht werden.

Das 16 Meter lange Holzboot mit rund 200 vorwiegend maghrebinischen Migranten war während eines Sturms in Seenot geraten. Vergeblich hatte die italienische Küstenwache versucht, das Boot am Donnerstagabend bei Windstärke sieben und starkem Seegang in Schlepptau zu nehmen.

Die Flüchtlinge, darunter fünf Kinder und drei Frauen, strandeten im Morgengrauen in einer Untiefe vor der Küste bei Ragusa. Bis zum Nachmittag konnten neun Tote geborgen werden. Dann musste die Suche nach weiteren Opfern wegen des hohen Wellengangs abgebrochen werden. Der Polizeichef von Ragusa, Girolamo di Fazio, erklärte am Freitag, man gehe von rund 20 Vermissten aus.

Polemiken

Die neue Tragödie hat Polemiken zwischen Italien und Malta ausgelöst. Die Regierung in Rom warf den maltesischen Behörden vor, das Boot trotz des hohen Seegangs nicht angehalten zu haben.

Das Verteidigungsministerium in La Valletta verwies darauf, dass sich das Boot in internationalen Gewässern befunden habe. Zudem habe die Besatzung die Hilfe einer maltesischen Fregatte abgelehnt. Die Behörden auf Malta hatten anschließend die italienische Küstenwache auf das Flüchtlingsschiff hingewiesen. Die Regierung des Inselstaats verfolgt eine kompromisslose Flüchtlingspolitik. Am Freitag wurden erneut 200 illegale Einwanderer nach Ägypten ausgeflogen.

Italiens EU-Kommissar Franco Frattini erklärte, die neue Tragödie sei "auch eine Folge des Umstands, dass Rom von der EU allein gelassen" werde. Die Verwaltung in Brüssel habe "die gesamte Verantwortung für die Überwachung der Küste und die Rettung von Flüchtlingen aus Seenot" auf Italien abgeschoben. "Wir fordern, dass sich auch andere Länder daran beteiligen. Wir wünschen den Einsatz einer EU-Küstenwache im südlichen Mittelmeer", sagte Frattini. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.11.2005)

von Gerhard Mumelter
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