"Karl Merkatz war mir sowieso immer zu laut"

27. Dezember 2005, 17:14
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Ernst Hinterberger ist auf den ORF nicht gut zu sprechen - Autor von "Mundl", "Trautmann", "Kaisermühlen Blues" im STANDARD-Interview

Der ORF verdankt ihm mit "Mundl", "Kaisermühlen Blues" und zuletzt "Trautmann" einige seiner größten Serienerfolge. Warum der Autor trotzdem auf seinen langjährigen Auftraggeber nicht gut zu sprechen ist, erklärte er Doris Priesching.

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In Ernst Hinterbergers Kabinett steht ein Sauerstoff-Apparat am Fenster und ein Buddha sitzt auf der Eckbank. Ohne die künstliche Atemluft kommt der 74-jährige Schriftsteller nicht länger als eine Stunde aus: "Die Lunge ist kaputt", erzählt er. Ein spätes Erbe aus einer Zeit, als Hinterberger noch Fabriksarbeiter war und mit giftigen Substanzen arbeiten musste. Zorn darüber? "Warum? Ich hätte auch schon vor 20 Jahren an einem Herzinfarkt sterben können."

Auf den sitzenden Buddha - "Geschenk vom Dolezal" - ist Hinterberger mindestens ebenso angewiesen wie auf den Sauerstoff. Seit mehr als fünfzig Jahren ist er Buddhist, weil seine Laufbahn als Polizist wegen einer Sehschwäche ein schnelles Ende nahm, er danach kurz nicht mehr weiter wusste. Und weil ihm die christliche Religion unglaubwürdig erschien: "Da sitzt einer mit Bart auf der Wolke und schaut, was der Ernsti macht - das geht nicht." Das Interview findet somit zu dritt statt.

STANDARD: Unter Autoren herrscht Unmut über den ORF. Einige beschweren sich, dass sie ihre Bücher nicht mehr wieder erkennen. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Hinterberger: Deshalb ist die Liebe zwischen dem ORF und mir erloschen. Die erste Folge vom "Trautmann" war noch so, wie ich mir das vorgestellt habe. Danach kam Thomas Roth. Er hielt sich bis zur fünften Folge grob an mein Buch. Danach überhaupt nicht mehr.

STANDARD: Was stört Sie an den Änderungen?

Hinterberger: Ein Beispiel: Vom "Trautmann" wird gesagt, er sei ein "einsamer Wolf". Er macht seinen Dienst, und wenn er den Pensionsbescheid bekommt, schießt er sich in den Schädel. Das Kommissariat bedeutet ihm alles. Auf einmal fängt er an, mit jungen Frauen zu poussieren. "Haben Sie Lust, mit mir einen Kaffee zu trinken?" Die Polizeigeschichten werden dem "Kottan" immer ähnlicher. Erwin Steinhauer wird von einem zwei Meter großen Mann mit Schuhgröße 48 und Cowboystiefeln niedergeschlagen. Der haut ihm fünfmal mit aller Wucht in die Rippen. Was macht Steinhauer? Er steht auf und geht einfach davon.

STANDARD: Wie rechtfertigen das Roth und der ORF?

Hinterberger: Roth sagt im ORF, er habe mit mir geredet. Hat er aber nicht. Bei Folge zehn habe ich das Drehbuch bekommen mit der Frage, ob es mir so recht ist. Na, was soll ich da noch groß machen?

"Trautmann": "Ich schreibe noch zwei Folgen"

STANDARD: Sie haben sich vom "Trautmann" schon komplett verabschiedet?

Hinterberger: Ich schreibe noch zwei Folgen, weil ich den Vertrag habe. Aber mich interessiert's nicht mehr. Auf einmal taucht die Mendt wieder auf. Sie selber sagte zu mir: Warum schreibst du so was? Aber das war ich nicht.

Folgen Karmeliterviertel bestellt

STANDARD: Haben Sie noch andere Aufträge vom ORF? Im Gespräch war eine Serie, Arbeitstitel "Siebenbrunnen-Platz"?

Hinterberger: Der ORF wollte unbedingt, dass ich etwas über meinen Bezirk schreibe. Die zwei Folgen, die sie bestellt haben, liegen seit zwei Jahren. Die Kathi Zechner (ehemalige ORF-Direktorin, Anm.) hat bei mir zehn Folgen Karmeliterviertel bestellt, Trautmanns Alltag. Ich habe sie geschrieben, der ORF hat gekauft, jetzt liegen sie. Nächstes Mal, habe ich gesagt, schickt's mir gleich das Geld, und ich erspare mir die Schreiberei. Das ist doch keine Rede, wenn der Verantwortliche sagt: "Was die Kathi will, will ich nicht. Ende der Diskussion." Das ist witzlos.

"Soko Donau": "Kein einziger Wiener"

STANDARD: Haben Sie den jüngsten ORF-Quotenerfolg gesehen, "Agathe kann's nicht lassen"?

Hinterberger: Tödlich. Schon das Original mit dem Tschopperl war absurd. Oder "Soko Donau": Erstens gibt's keine "Soko Donau", dann habe ich noch nie erlebt, dass in irgendeiner Partie nur Deutsche sind und kein einziger Wiener.

STANDARD: Manche vermuten, dass es sich dabei um Krimis handelt, die sich gut verkaufen sollen.

Hinterberger: Sie wollten deshalb auch beim "Trautmann" Deutsche reinstopfen. Oder sie lassen den Trautmann sagen: "Ich lehne an der 'Theke'." Das hat keinen Sinn.

"Ich will die Kleinarbeit der Polizei zeigen"

STANDARD: Was fasziniert Sie am Krimi?

Hinterberger: Mich interessiert das Motiv. Wenn einer sagt: Meine Alte ist mir am Wecker gegangen, jetzt habe ich sie aus dem Fenster geschmissen - uninteressant. Ich will die Kleinarbeit der Polizei zeigen.

STANDARD: Warum muss der Mörder im Fernsehkrimi immer gefasst werden?

Hinterberger: Weil Autoren und Regisseure keine Ahnung von der Wirklichkeit haben.

"Mundl im Altersheim - lächerlich!"

STANDARD: Edmund Sackbauer wurde heuer 30 Jahre alt. Was wünschen Sie ihm?

Hinterberger: Der ist mir eigentlich egal, der ist gestorben. Für Außenstehende ist das schwer zu begreifen, aber das hat natürlich mit Buddhismus zu tun. Karl Merkatz war mir sowieso immer zu laut. Der ORF wollte unlängst von mir Mundl im Altersheim - lächerlich!

STANDARD: Was sagen Sie zum Ergebnis der Wiener Wahlen? Strache hat mit Ihrem "echten Wiener" einen Ausländerwahlkampf geführt und war einigermaßen erfolgreich.

Hinterberger: Ich bin gefragt worden, ob ich etwas dagegen unternehme. Warum sollte ich? Ich habe den Titel ja selber von einem alten Wiener Lied gestohlen. Das Ergebnis hat mich überhaupt nicht überrascht. Schauen Sie sich die Wahlversammlungen an: Ottakring: Massen. Hernals: Massen. Favoriten: Massen. Auch in Margarethen hat Strache gut abgeschnitten. Warum? Weil dort die Ausländer zusammengepfercht sind. Sie tun zwar niemandem etwas, aber sie sind anders. Das reicht offensichtlich schon. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.11.2005)

Zur Person

"Salz der Erde" lautete der ursprüngliche Titel, von Ernst Hinterbergers Geschichten über den Elektriker Edmund Sackbauer. Für den ORF taufte der 74-jährige Wiener 1975 die Geschichten in "Ein echter Wiener geht nicht unter" um.

Nachdem der gelernte Elektriker die Polizeischule verlassen musste, arbeitete er als Hilfsarbeiter in einer Fabrik. Heute lebt Hinterberger mit seiner Frau Karla in einer kleinen Gemeindebauwohnung im fünften Bezirk in Wien. Neben TV-Drehbüchern schrieb er zahlreiche Krimis.

Kriminacht

Ernst Hinterberger liest im Rahmen der "langen Kriminacht" um 22.30 Uhr in der Wiener Urania aus seinem Roman "Doppelmord".

Link

kriminacht.at

  • Autor Ernst Hinterberger erkennt in den "Trautmann"-Krimis seine Drehbücher nicht wieder: "Auf einmal fängt der an, mit jungen Frauen zu poussieren: 'Haben Sie Lust, mit mir einen Kaffee zu trinken?' Absurd."
    foto: standard/regine hendrich

    Autor Ernst Hinterberger erkennt in den "Trautmann"-Krimis seine Drehbücher nicht wieder: "Auf einmal fängt der an, mit jungen Frauen zu poussieren: 'Haben Sie Lust, mit mir einen Kaffee zu trinken?' Absurd."

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