Komplementärmedizin auf onkologischem Prüfstand

17. November 2005, 20:47
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Kongress in Wien soll Qualitätsstandards und Richtlinien festlegen

Wien - Für die Krebsbehandlung haben Mediziner heute mehr anzubieten als Zellgifte, Hightech-Arzneien, Strahlen und Skalpelle: Die Komplementärmedizin - die sich nicht als Alternative, sondern als Ergänzung zur Schulmedizin definiert - nimmt in der Onkologie einen zunehmenden Stellenwert ein. Jüngsten Berechnungen zufolge lassen sich mehr als 80 Prozent aller österreichischer Krebspatientinnen und -patienten auch komplementär behandeln.

Jüngste Studien weisen jedoch darauf hin, dass bestimmte komplementäre Methoden bei einigen Krebsarten kontraproduktiv sind. Qualitätsstandards und Therapierichtlinien sind daher nötig.

"Solche wollen wir auf der internationalen komplementärmedizinischen Tagung nun erarbeiten", erklärt Leo Auerbach, Leiter der komplementärmedizinischen Ambulanz am Wiener AKH und Präsident des am Freitag im Wiener Hotel Marriott beginnenden Kongresses "Complementary Medicine meets Oncology" - diese Richtlinien sollen gemeinsam mit Schulmedizinern und -medizinerinnen erarbeitet werden.

Ziel

Ziel onkologischer Komplementärmedizin sei laut Auerbach eine "Verbesserung der Lebensqualität durch Verringerung der Nebenwirkungen der Schulmedizin." Ein paar Beispiele: Ein Inhaltsstoff der Mistel aktiviert das Immunsystem, lindert tumorbedingte Schmerzen und verbessert das Befinden der Kranken durch das Freisetzen von Glückshormonen. Auch weiß die Wissenschaft, dass freie Radikale (aggressive, zellschädigende Moleküle) bei der Krebsentstehung eine Rolle spielen und Krebskranke einen besonders hohen Bedarf an Antioxidantien, die diese Radikale unschädlich machen, haben. Dazu zählen etwa die Vitamine A, C, D und E. Doch erst die Kombination von Mineralstoffen, Spurenelementen (etwa Zink und Selen) und diesen Vitaminen entfaltet eine optimale antioxidative Wirkung. Doch hier beginnen auch die Probleme, die Therapierichtlinien unumgänglich machen.

Untersuchungen haben gezeigt, dass Vitamin A respektive Betakarotin (Provitamin A) bei krebskranken Rauchern und Raucherinnen mehr schadet, als nützt. Für Prostata- und Lungenkrebs haben Studien ergeben, dass zu viel Vitamin E Krebswachstum fördert, Mortalität steigert - für andere Krebsarten wird es vermutet. "Und Antioxidantien während einer Strahlentherapie sind auch kontraproduktiv", vermutet Auerbach, "weil die Strahlen im Krebsgewebe gewollt Radikale freisetzen, die umliegende Tumorzellen zerstören sollen."

Neue Methoden

Neben der Erarbeitung von Richtlinien werden auf dem Kongress auch neue komplementäre Methoden diskutiert. So prüft derzeit etwa die US-Gesundheitsbehörde die Zulassung von Haifischknorpeln. Diese hätten (in richtiger Darreichungsform) laut Auerbach eine ähnlich Wirkung wie das sündteure Hightech-Medikament Avastin: Sie verhindern die Ausbildung von den Tumor mit Nährstoffen versorgenden Blutgefäßen, hungern den Krebs aus.

Auch sollen erste (angeblich positive) Ergebnisse einer am Wiener AKH laufenden Studie zur Hyperthermie während Chemotherapie präsentiert werden: Dabei wird künstlich Fieber erzeugt, um das Immunsystem zu stimulieren und Tumorzellen zu schädigen. Zugleich werden Blutgefäße erweitert, infundierte Chemotherapeutika sollen so besser und nebenwirkungsfreier aufgenommen werden. (Andreas Feiertag, DER STANDARD, Print, 18.11.2005)

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