Reportage: Per Blitzinterview hinaus aus dem Getto

22. Dezember 2005, 13:26
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Die Banlieue-Krawalle zwingen Frankreich zum Umdenken. In Lyon kämpft eine Jobbörse auf originelle Weise gegen die verdeckte Diskriminierung der Vorstadtjugend

Sophia strahlt. Nicht, dass sie bereits einen Job sicher hätte. Die junge Frau ist vielmehr froh, dass sie das "Speed-Dating" hinter sich hat. Diese amerikanische Methode zur Eheanbahnung für eilige Ledige wird hier zur Jobvermittlung verwendet: Arbeitssuchende treffen in einem Saal auf eine Runde von Arbeitgebern, an deren Tischen sie jeweils 15 Minuten haben, ihre Bewerbung zu vertreten. In vernünftiger Zeit lassen sich so viele Kontakte herstellen, wobei alle die gleichen Startbedingungen haben.

Sophia hat ein Dutzend Gespräche geführt und bei einer Restaurantkette im Stadtzentrum von Lyon ein zweites Anstellungsgespräch als Serviererin erwirkt. "Und das mit Aussicht auf einen Dauervertrag", lacht die aus Senegal stammende Frau. Bisher hatte sie nur Kurzjobs. "Ich habe genug davon, nur immer jene Posten zu kriegen, die die anderen nicht wollen." Die anderen? "Ja, diejenigen ohne auffällige Hautfarbe oder fremdklingende Namen."

Karim hat einen solchen Namen. Zudem wohnt der Mechaniker in Vaulx-en-Velin, einem Vorort von Lyon, der in Frankreich mit Gewalt und brennenden Autos assoziiert wird, seit es dort vor Jahren schon zu schweren Unruhen kam. Nüchtern erzählt der 28-Jährige, wie viele Bewerbungen er schon verschickt hat; ab und zu werde er sogar zu einem Gespräch empfangen - "mit einem großen Lächeln, aber danach höre ich nie mehr etwas von ihnen". Irgendwann frage man sich, warum man nie eine Chance erhalte. "Vor allem, wenn man dann hintenrum hört, dass ein anderer, der vielleicht Eric oder Francois heißt, einen festen Vertrag erhält, obwohl er nicht einmal eine Klimaanlage flicken kann."

Lockere Atmosphäre

Hier im Rathaus setzt Karim seine Hoffnung auf eine lokale Firma, die mit Abdichtungen arbeitet und deren Chef ein halbes Dutzend Angestellte sucht. Der Erdölkonzern Total braucht zudem Servicetechniker. Ein Vertreter des Reiseunternehmens Club Méditerranée sucht Zimmerpersonal für ein Feriendorf, die Kantine-Gruppe Sodexho schaut sich nach Köchen um. "Am meisten erstaunt mich hier, wie entspannt die Arbeitssuchenden sind - obwohl sie ja unter Zeitdruck und im Wettbewerb stehen", kommentiert die Vertreterin des regionalen Baukonsortiums Crépi. "Auf normalem Weg klopfen diese Vorstadt- Jugendlichen bei den Firmen oft gar nicht mehr an, da sie befürchten, bei der Auswahl ohnehin durchzufallen. Hier wissen sie, dass sie sich wie normale Jobbewerber verkaufen können und müssen. Das ist für sie schon viel."

"Null Diskriminierung"

"Null Diskriminierung": So lautet die offizielle Devise dieser für Frankreich neuartigen Operation "Speed-Dating", die an zwei Tagen 450 Arbeitssuchende für knapp 200 Stellen angezogen hat. Geplant wurde sie lange vor den Banlieue- Krawallen. Der Staat selbst und das nationale Arbeitslosenamt ANPE seien völlig überfordert, meint Patricia Servanin, Initiatorin des "Speed-Dating" in Lyon. Doch das eigentliche Problem sieht die ehemalige Marketingmanagerin auf der politischen Ebene: "Diskriminierung am Arbeitsplatz war in Frankreich bis vor Kurzem noch ein Tabuthema, weil sie dem nationalen Gleichheitsdogma widerspricht und damit gar nicht existieren darf." (DER STANDARD, Printausgabe, 18.11.2005)

Von Stefan Brändle aus Lyon
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    Gerechtigkeit tue Not, nicht Repression, forderten jugendliche Demonstranten am Mittwoch in Paris in Anspielung auf den Notstand (état d'urgence).

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