Das Terror-Ass sticht nicht mehr

17. November 2005, 18:54
27 Postings

Ohne seinen besten Trumpf kann Bush seinen Kritikern nur noch wenig entgegnen - Von Christoph Winder

George W. Bush, der momentan in Asien mit Nagelschuhen über das diplomatische Parkett trampelt, ist bei den Amerikanern so unpopulär wie nie zuvor: Diese Aussage ist zu einem Stehsatz geworden, mit dem sich Woche für Woche unverändert Zeitungsartikel überschreiben ließen. Jede neue Umfrage ein neuer Negativrekord. Eine Beliebtheitskurve, die nur eine Richtung kennt: die nach unten.

Zur Erinnerung: In den Tagen nach 9/11, als Bush wie die Allegorie eines grimmigen amerikanischen Selbstbehauptungswillens durch die Trümmerlandschaft von Ground Zero stapfte, da hatte er neun von zehn US-Bürgern hinter sich. Die Nation scharte sich hinter dem texanischen Patrizier mit den volksnahen Manieren zusammen. Die Umstände, unter denen Bush 2000 seinen seltsamen Wahlsieg über Al Gore errungen hatte, wurden verdrängt.

Lang, lange ist das alles her. Gut ein Jahr nach seiner Wiederwahl sticht das Terror-Ass, mit dem Bush jahrelang jeden Gegner übertrumpfen konnte, im Herbst 2005 nicht mehr. Die entscheidende Wende zum Negativen geschah mit dem Missmanagement der Hurrikankatastrophe "Katrina". Nie wurde das für diese Regierung charakteristische Auseinanderklaffen von Sein und Schein, von Inszenierung und Realität sinnfälliger als in jenen Tagen, da Bush seinem Kumpel Michael Brown, den er selbst an die Spitze der nationalen Katastrophenschutzbehörde bugsiert hatte, das Zeugnis ausstellte, dieser leiste höllisch gute Arbeit, während in Wahrheit tausende in New Orleans eingekesselte Menschen die Hölle erlebten.

Gegen diese öffentliche Präsentation einer weltfremden Verbohrtheit wirkte selbst der "Mission Accomplished"-Auftritt vom Mai 2003, als Bush den Irakkrieg für beendet erklärte, wie ein Muster an Wirklichkeitssinn und politischer Redlichkeit. Seither sind auch andere Dämme geborsten. Eine Flut politischer und medialer Kritik ergießt sich über die Regierung, Tag für Tag wird ein neuer Skandal nach oben gespült: geheime CIA-Gefängnisse in Europa, die Plamegate-Affäre, bei der führende Mitarbeiter des Weißen Hauses aus Rachsucht nationale Sicherheitsinteressen gefährdet haben sollen, die Verwendung von Weißem Phosphor im Irak und so fort. Vieles davon ist nicht einmal besonders neu, aber es wird heute anders mediatisiert und in einer Schärfe kritisiert, die noch vor Kurzem undenkbar gewesen wäre.

Die Medien haben sich aus der Patriotismusfalle, in der sie nach 9/11 gefangen waren, befreit. Nun versuchen sie, mit durchaus schlechtem Gewissen, ihre Versäumnisse doppelt wettzumachen. Dasselbe gilt für den Kongress, wo auch viele Republikaner - die nächsten Wahlen kommen bestimmt - auf Distanz zu Bush gehen. Die plumpen Entlastungsangriffe, mit denen der Präsident, sein Vize Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ihren Kritikern pauschal Verantwortungslosigkeit unterstellen, zeigen, wie groß die Nervosität sein muss.

Inmitten dieses Scherbenhaufens wirkt Bush selbst immer häufiger so kontaktlos und abgehoben, dass sich die Frage stellt, inwieweit dieser Präsident die Zügel überhaupt noch in der Hand hat. Joseph Wilkerson, der Ex-Stabschef von Colin Powell, hat unlängst mit einer vernichtenden Kritik der Regierungspolitik aufhorchen lassen, Bush selbst aber zu einem "guten Präsidenten" erklärt, der einer Kabale von Cheney und Rumsfeld zum Opfer gefallen sei.

Auch andere Beobachter sehen Bush häufig als hilflosen Akteur in einem ödipalen Drama, als tragischen Sohn, der die vermuteten Versäumnisse seines Vaters im Kampf gegen Saddam Hussein wettmachen wollte und grandios gescheitert ist. Wie immer es aber um die psychologischen Triebfedern von Bush bestellt sein mag: Entscheidend ist, dass ein schwer angeschlagener, isolierter Präsident in den kommenden Jahren die Geschicke der USA leiten wird. In einer Zeit, in der die Führungsstärke der letzten Weltmacht dringend gebraucht würde, ist das keine erfreuliche Perspektive. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.11.2005)

Share if you care.