Killer: "Werkzeuge ohne Sinn"

25. November 2005, 13:57
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"Die Krönung Richards III." von Hans Henny Jahnn am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg

Dessen neuer Intendant Friedrich Schirmer setzt erste dramaturgische Akzente.


Das Hamburger Schauspielhaus und sein neuer Intendant Friedrich Schirmer proudly present: DIE KRÖNUNG RICHARDS III. Ein Schauerdrama mit Schmackes, bühnenbewährt, marktgängig, immer (cum grano salis) aktuell. Und vollkommen unbekannt.

Schirmer operiert zwar global – im Theaterreich geht die Sonne niemals unter –, spekuliert aber lokal. Das Stück stammt nämlich in diesem Fall nicht vom Briten Shakespeare, sondern vom Hamburger Hans Henny Jahnn.

Der 1894 geborene, 1959 gestorbene Orgelbauer, Pferdezüchter, Hormonforscher, Religionsstifter, Pazifist, Romancier (Fluss ohne Ufer) und Dramatiker genießt unter einer Minorität der Minorität, die ihn überhaupt kennt, einen Ruf wie Donnerhall. Gespielt (und gelesen?) wird Jahnn aber kaum. Seine expressionistische Fieberfantasie über Themen von Shakespeare – neben Richard tummeln sich Macbeth' Hexen auf Lears Heide – schrieb er mit Mitte zwanzig, wobei er den saftigen Stoff mit schweren Jambenfüßen auf über 200 Druckseiten mehr in die Breite trieb als in die Tiefe (ver)dichtete.

Tragische Blutsuppe

Der "historischen Tragödie" suppt derart das Blut aus sämtlichen Ritzen, dass dem Regisseur Sebastian Nübling vernünftigerweise gar nichts anderes übrig blieb, als gänzlich blutleer zu inszenieren. Das Stück wäre sonst am eigenen Blutdurst ersoffen.

Den schweißsauren Quarkgeschmack, das Parfüm des banal Bizarren vermag sein dreieinhalb Stunden währendes Bemühen, dem Rauschen der Körpersäfte Kopftöne abzulauschen, dennoch nicht aus dem abgestandenen Text zu lüften. Aber immerhin: Sebastian Nübling hat Jahnns Richard III. so kredenzt, dass der Quark bisweilen ganz interessant riecht.

Historisch ist die Tragödie in dem Maße, wie Alice im Wunderland dokumentarisch ist. Sie fängt mit der Kastration eines Lustknaben der Königin an und steigert sich dann ganz allmählich. Die ausführliche Rede ist von (ohne Gewähr der Vollständigkeit): entleiben, köpfen, vergiften, blenden, lebendig begraben. Das Ganze kommt über die Menschheit wie ein kräftiges Sommergewitter: unbeherrschbar, zerstörerisch, aber irgendwie auch befreiend, erlösend. Man ist ihm ausgeliefert, zieht den Kopf ein und hofft, dass man's überlebt.

Den Sinn dazu verwaltet ein sehr menschenfernes Etwas, Gott oder das Gesetz oder wie immer man es nennen mag. Es formt sein Werkzeug, den missgestalteten Herzog von Gloster, im Feuerofen der Notwendigkeit und härtet ihn im Wassertrog der Amoral.

Eine bühnenfüllende Lautsprecherwand (Ausstattung: Muriel Gerstner), aus der es stöhnt, säuselt, singt, brüllt, räsoniert und befehlend schnarrt, veranschaulicht diesen metaphysischen Souffleur.

Cooler Praktiker

Richard will niemandem ein Leid tun, allein, nicht sein Wille geschieht, und so säumen Leichen seinen Erdenweg. Der Schauspieler Samuel Weiss ist in seinem dunklen Anzug überm weißen T-Shirt ein cooler Praktiker fortgeschrittener Arbeitsteilung. Der schlaue Überbau denkt vor, die vierschrötige Basis metzelt nach. "Wir wollen uns darauf beschränken, Werkzeuge ohne Sinn zu sein", gibt er den Handlangern des Meuchelns die pragmatische Parole vor und wäscht anschließend sein Gewissen in Pilatuswasser.

Am Ende löst sich alles, Fleisch, Blut, Gewissen, das Königreich, das Richard bekanntlich für ein Pferd hergegeben hätte, ja, selbst der Tod im Ätherrauschen des Lautsprechergottes auf.

Der nackte Richard liegt dann bäuchlings auf dem Grab der lebendig verscharrten Prinzen Wales und York, als könne er hier die Herztöne der vernichteten Leben wieder hören. Entkleidet schaut der König zum ersten Mal aus wie ein Mensch. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.11.2005)

Oswald Demattia aus Hamburg
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