Der Bodensee zu Gast am Hudson

24. November 2005, 17:51
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Das Kunsthaus Bregenz feiert sich im Austrian Cultural Forum in New York als international renommiertes Haus für zeitgenössische Kunst

Und präsentiert dabei Peter Zumthors Museumsbau in Raimund Abrahams Hochhausskulptur.


Zuletzt hat sich doch noch ein Risikofaktor eingeschlichen in die bis in das letzte Detail ausgefeilte Selbstdarstellung des Kunsthauses Bregenz (KUB) im Österreichischen Kulturforum in New York. Der Faktor hieß Gelatin und brachte Forumsdirektor Christoph Thun-Hohenstein im Vorfeld einigermaßen ins Schwitzen.

Schließlich eilt der Künstlergruppe mit dem Hang zu stets ebenso feuchtem wie bizarrem Aktionismus ein Ruf voraus. Und schließlich muss man gerade deswegen unbedingt erwarten, dass das mittlerweile durch die Gagosian- Gallery vertretene Kollektiv diesen Ruf auch unterstreicht.

Ursprünglich sollte ja Franz West ein Künstlergespräch mit Jason Rhodes, moderiert von Gagosian-Direktor Elan Wingate führen; der Trash- Meister aus Wien musste aber krankheitsbedingt absagen, und so sprangen Gelatin für die malade Vaterfigur aufs Podium. Sie lieferten eine schaumgebremste Kasperliade, die bloß andeutete, wozu es hätte kommen können, und die gerade vom Galeristen Wingate, der sich kurzerhand zum Mitakteur erklärte, vor dem Absturz in die totale Fadesse gerettet wurde. Gelatin deuteten bloß an, mit Akkuschraubern die hölzerne Vertäfelung des Forums zu perforieren, die öffentliche Blasenentleerung – immer an den Wiener Aktionismus und die Uniferkelei denken – fiel einer plötzlichen Verhaltung zum Opfer, die XL-Pizza landete anstatt im Publikum doch nur in den Mägen der Akteure.

Schülerstreiche

Natürlich wurden in guter alter Gelatin-Tradition Körper übereinander gestapelt; und diesmal durch Jason Rhodes, der ansonsten nur Grauen erregend gesungen hat, mit einem Papprohr verprügelt. Altmeister Franz West verfolgte die Schülerstreiche im Klassenzimmer wie einst die Bundespräsidenten vom Foto aus. Optisch aufgemotzt wurde die Tollerei durch Großprojektionen jener Wattestäbchen, mit denen sich das Publikum zuvor die Ohren schmalzfrei zu stochern hatte. Na ja, sollte es womöglich in absehbarer Zeit zu einer Gelatin-Personale im Kunsthaus Bregenz kommen, wird weit mehr Einsatz nötig sein, um Peter Zumthors Museumsbau nur annähernd zu entsprechen.

Eine Personale mit dem ebenfalls für chaotische Ins^tallationen bekannten Amerikaner Jason Rhodes ist schon fixiert. Sie wird thematisch im weitesten Sinn um die tausenden Synonyme für "Pussy" kreisen und sich ansonsten mit dem Islam beschäftigen.

Die Präsentation von Gebäude und Programm des KUB im Österreichischen Kulturforum in der East 52th Street zeigt sich, trotz der schwierigen, über mehrere Ebenen der nur acht Meter breiten funktionalen Skulptur Raimund Abrahams verteilten Ausstellungsfläche, so schlicht wie perfekt. Stefan Sagmeister hat ein Ausstellungsdesign entworfen, das mittels Projektionen, Leuchtkästen und einem Modell sowohl die bestechende Architektur des 1997 eröffneten Museums, als auch das, vorwiegend aus umfangreichen Personalen aufgebaute Programm der Direktionsära Eckhard Schneider, unmissverständlich transportiert.

Vision "Licht"

24 Präsentationen konnte Schneider seit 2001 realisieren, darunter Personalen von Daniel Buren, Doug Aitken, Anish Kapoor, Jeff Koons, Louise Bourgeoise, Roy Lichtenstein, Hans Schabus, Franz West oder Olafur Eliasson. Viele der Künstler halten im Rahmenprogramm zur Schau Vorträge bzw. beteiligen sich an Diskussionsrunden. Olafur Eliasson wird am 21. November mit Peter Zumthor in der Cooper Union konferieren, Michael Govan, Direktor der DIA Art Foundation, der Architekt und Spezialist für interaktive Environments, Hani Rashid (Asymptote), oder die Kuratorin Lynne Cooke unterstreichen als Gäste den internationalen Kontext, in dem das Kunsthaus Bregenz, trotz seiner "Jugend", mittlerweile agiert.

"Licht als Vision" ist nicht zufällig eines der zentralen Themen der Panels und Vorträge: In Peter Zumthors x- fach ausgezeichnetem Haus – einem der weltweit bedeutendsten zeitgenössischen Museumsbauten – spielt Licht eine tragende Rolle. Alle drei Ebenen, die Zumthor in den transparenten Kubus am Bodenseeufer gehängt hat, werden von Tageslicht gespeist, ohne dass auch nur ein Fenster die feinen Sichtbetonwände der Ausstellungsräume durchbrechen würde. Und dessen Fassade war immer wieder Träger (und Anlass) spektakulärer Lichtinstallationen. Etwa heuer, als Siegrun Appelt das KUB unter Zuhilfenahme von 144 2000-Watt- Thorn-Mundial-Strahlern als Kristall definierte, oder 2001, als es Olafur Eliasson genügte, ein Stockwerk des KUB in Nebel zu tauchen, er derart mit der Architektur Peter Zumthors zu seiner Arbeit fand.

KUB-Direktor Eckhard Schneider sieht seine Arbeit mit jener der DIA-Art Foundation verwandt. Die vom deutschen Galeristen Heiner Friedrich 1974 gegründete Organisation verfolgt ein Ausstellungsprogramm bzw. Sammlungskonzept, das Künstlern jede Unterstützung gibt, entscheidende – so material- wie kostenintensive bzw. langwierige – Projekte zu realisieren und ganze Werkblöcke in die Sammlung zu integrieren. Die (im Moment geschlossene) DIA-Filiale in Chelsea, New York – ein mehrgeschoßiges ehemaliges Lagerhaus – steht jeweils einem Künstler für ein Jahr zur Verfügung, in der 2003 adaptierten ehemaligen Fabrik in Beacon am Hudson River bietet DIA selbst im Vergleich zu großen Museen ungemein viel Platz, um ganze Werkblöcke aus der Sammlung fix zu installieren: entscheidende Arbeiten von Joseph Beuys, Richard Serra, Dan Flavin, Donald Judd, Imi Knoebel oder Fred Sandback.

Schneider will Bregenz an ein vergleichbares Qualitätsniveau heranführen, wenn auch beschleunigt: Er zeigt jährlich fünf Projekte, denen jeweils das ganze Haus gewidmet ist, und die idealerweise speziell für die Situation konzipiert sein sollen. Zum Sammeln fehlt es bisher noch an Zeit und Platz. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.11.2005)

Markus Mittringer aus New York

Links

kunsthaus-bregenz.at

diacenter.org

Bis 30. 11.

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    Kunsthaus Bregenz, New York

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