Neuwahl bringt Sharon in Zugzwang

17. November 2005, 17:51
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Israels Premier muss sich zwischen einer Kampfabstimmung um die Likud-Führung oder einer Parteineugründung entscheiden

Dass Israel unter den veränderten Umständen nicht erst regulär im November 2006, sondern "so bald wie möglich" wählen soll, darin waren sich Premierminister Ariel Sharon und der neue Chef der Arbeiterpartei, Amir Peretz, schon vor ihrem Gespräch am Donnerstag einig gewesen. Bereits nach 20 Minuten konnte Peretz daher der Presse mitteilen, dass man einvernehmlich einen Termin "zwischen Ende Februar und Ende März" bestimmen werde. Er überlasse es Sharon, den genauen Zeitpunkt festzulegen. "Was immer er entscheidet, ist für mich akzeptabel ? je früher, desto besser", sagte Peretz. Sharon hatte zuvor in einem Zeitungsinterview einen Termin im Februar angekündigt.

Seit der 53-jährige Gewerkschaftsboss Peretz in der vergangenen Woche zur allgemeinen Verblüffung die Vorwahlen der Arbeiterpartei gewonnen hatte, war klar, dass die von seinem Vorgänger Shimon Peres geschlossene große Koalition am Ende ist. "Ich habe das meinen Anhängern versprochen", bekräftigte Peretz am Donnerstag, "und ich muss meine Glaubwürdigkeit bewahren."

Peretz, der sich vor allem als Streikführer einen Namen gemacht hat, ist überzeugt, dass die Sozialdemokraten sich vom konservativen Likud stärker abgrenzen müssen. Zuletzt ließ er aufhorchen, als er sich zu dem in Israel als gescheitert geltenden Oslo-Prozess bekannte. Es ist ungewiss, ob er mit seiner Linkswende die Partei wiederbelebt oder Wähler abschreckt.

Rivale Netanyahu

Das ist aber mit der noch spannenderen Frage verknüpft, was Sharon jetzt machen wird. Berater reden ihm zu, seine Popularität auszunützen und eine neue Zentrumspartei zu gründen, was für Israel eine völlige Umgestaltung der politischen Landschaft bedeuten würde. Will der 77-Jährige sich aber auf dieses Abenteuer nicht einlassen und lieber noch einmal als Spitzenkandidat des Likud in die Wahlen gehen, dann muss er zunächst in "primaries" den viel jüngeren Rivalen Benjamin Netanyahu ausstechen.

Das wäre Sharon auch durchaus zuzutrauen, denn Netanyahu ist nach einem missglückten "Putschversuch" im September parteiintern angeschlagen. Aber letztlich wäre Sharon wieder ein gefesselter Regierungschef, weil ihm die rechten "Rebellen" im Likud den Abzug aus dem Gazastreifen nicht verzeihen. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.11.2005)

Von Ben Segenreich Tel Aviv
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    Sharon muss sich nun entscheiden, ob er "primaries" im Likud gegen seinen Rivalen Benjamin Netanyahu (im Vordergrund) antritt oder ob er gleich eine neue Partei gründet.

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