Sprachlehrer: Prüfungen und Einsparungen erschweren Integration

1. Dezember 2005, 12:58
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Sprachprüfungen für Einwanderer "Abschreckungssignal" - Volksschule verlor zwei Drittel der Förderkapazitäten

Kritik an den von der Regierung geplanten verpflichtenden Sprachprüfungen im Rahmen von Integrationsvertrag und neuem Staatsbürgerschaftsrecht sowie an der Ressourcenverknappung im Schulbereich haben Vertreter des Österreichischen Verbands für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache (ÖDaF) geübt.

Abschreckungssignal

Die Prüfungen seien ein "Abschreckungssignal", das Integration erschwere. Mit diesen Gesetzen werde "Ausgrenzung signalisiert" und damit "eine Lunte an das Fass gelegt", sagte Hans-Jürgen Krumm, Professor für Deutsch als Fremdsprache an der Uni Wien, der auf die Jugendkrawalle in Frankreich verwies, die zeigten, wie weit solche Ausgrenzung führen könne.

Nach Ansicht Krumms werde Sprache und Integration verwechselt, es werde so getan, als ob Sprache alleine Integration schon ermögliche. Dagegen würden solche Prüfungen neue Barrieren aufbauen und zur Segregation statt zur Integration führen. Problematisch sei auch, dass ein Sprachunterricht, der mit einer solchen Prüfung abschließt, zur Prüfungsvorbereitung umfunktioniert werde und damit genau jene sprachlichen Fertigkeiten vernachlässigt würden, auf die es für Zuwanderer ankomme.

Standardisierte Tests

Statt wie bisher einen den Lebensumständen entsprechenden Sprachnachweis zu verlangen, werde nun ein standardisierter schriftlicher Test eingeführt. Dies sei etwa für Menschen mit keiner oder geringer Schulbildung, für Analphabeten oder Menschen, die ein anderes Schriftsystem gelernt haben, eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Zudem sei ein Großteil der Betroffenen damit überfordert, ein für das Leben so entscheidendes Ereignis wie den Erwerb der Staatsbürgerschaft vom Bestehen einer derart belasteten Prüfungssituation abhängig zu machen. "Ein hoher Prüfungsdruck führt zum Verstummen und nicht zum Sprechen", sagte Krumm.

Im Schulbereich hat vor allem die Ressourcenverknappung in den vergangenen vier Jahren zu Problemen geführt, meinte Werner Mayer, Volksschuldirektor in Wien-Rudolfsheim-Fünfhaus, einem Bezirk mit sehr hohem Ausländeranteil. An seiner Schule gebe es 210 Schüler, wovon 170 eine andere Muttersprache als Deutsch hätten. In der landläufigen Diskussion würden diese als Problem gesehen, doch tatsächlich seien darunter nur acht, die tatsächlich Verständnisprobleme hätten. Seit den achtziger Jahren sei durch die Einführung von Teamteaching von Regellehrern mit speziell ausgebildeten Begleitlehrern die Anwesenheit von Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache im Schulalltag kein Problem mehr gewesen.

"Ein Skandal"

In den vergangenen vier Jahren seien allerdings durch die im Finanzausgleich ausverhandelten Planposten-Einsparungen die Ressourcen im Schnitt um 40 Prozent zurückgegangen, "wir haben konkret zwei Drittel verloren", so Mayer. Stand früher während des gesamten Unterrichts (20-22 Stunden pro Woche) ein zweiter Lehrer in der Klasse, gebe es jetzt nur noch Kapazitäten für fünf bis sechs Stunden Förderunterricht. Dies führe einerseits dazu, dass Lehrer versuchen, "den Spagat zu machen und trotz geringerer Ressourcen die Kinder nicht fallen zu lassen, womit sie den Beweis liefern, dass sie auch mit einem Drittel der Ressourcen auskommen können - und das ist ein Skandal", sagte der Schuldirektor. Andererseits würden rund um Wahlen dann "die einfachen Lösungen blühen", etwa die Delegation des Sprachenlernens an den Kindergarten. Und schließlich würden mit dem Ressourcenrückgang auch die Chancen der Kinder minimiert, etwa nach der Volksschule in die AHS wechseln zu können.

Der ÖDaF veranstaltet am Freitag und Samstag in Wien seine Jahrestagung zum Thema "Deutsch als Zweitsprache - lehren - lernen - leben". (APA)

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