Rezept gegen Burnout: Supervision für LehrerInnen

22. März 2006, 12:28
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In der Sozialarbeit und der Wirtschaft gang und gäbe, steckt die Supervision bei der Nutzung im Schulbereich noch in den Kinderschuhen

"Die Anforderungen, die an die Schulen gestellt werden, haben sich erhöht. Diese Dinge sind von einzelnen Lehrern in ihrer Einzelkämpferrolle nicht mehr zu bewältigen", erklärt Hauptschullehrer Michael Peukert die Notwendigkeit von Supervision für das Seelenwohl von LehrerInnen.

Gestiegene Ansprüche

LehrerInnen werden heute zunehmend nicht mehr nur als Vermittler von Lehrstoff an ihre SchülerInnen angesehen. Die Ansprüche an diese Berufsgruppe sind gestiegen und immer mehr sind Lehrkräfte gefordert, sich mit nicht rein schulischen Themen auseinanderzusetzen. Schulen werden zu Klein- oder Mittelbetrieben, wo die DirektorInnen Managementaufgaben zu erfüllen haben. "Unsere Schule hat 1250 Schüler und etwa 120 Lehrkräfte, da kann man sagen, das ist für österreichische Verhältnisse schon fast ein Großunternehmen", so Elfriede Jarmai, Direktorin an der AHS Ödenburgerstraße. "81 Prozent der Unternehmen nehmen für sich Beratung in Anspruch, nur ein bis zwei Prozent der Lehrer nehmen Supervision in Anspruch", bedauert Wolfgang Knopf, Vorsitzender der Österreichische Vereinigung für Supervision (ÖVS). "Lehrer haben wenige Möglichkeiten zu reflektieren. Sie bekommen wenig helfendes Feedback in ihrer Alltagssituation", erklärt Jarmai.

Wandel an den Schulen

Ein Problem für die LehrerInnen ist das Thema Gewalt. "Das Gewaltpotenzial an Schulen nimmt zu. In diesem Sinne hat sich die Aufgabe der Lehrer und Lehrerinnen radikal verändert", so Knopf. Was kann Supervision gegen Gewalt tun? "Gewalt kann durch Supervision nicht verhindert werden, aber wozu Supervision dienlich sein kann, ist überhaupt diese schwierige Situation von einer permanenten Gewaltbereitschaft in den Griff zu bekommen", ist Knopf überzeugt. Er sieht noch einen massiven Wandel in den Schulen: "Die Lehrer haben nicht nur Probleme mit den Schülern sondern auch mit den Eltern. Die Eltern sind eine neue Front." Die LehrerInnen seien oft mit deren Ansprüchen überfordert, denn "in Zeiten der Einzelkindfamilie ist es schwierig, den Eltern klar zu machen, dass ein Klassenverband mehr als ein einzelnes Kind ist." Supervision könne den LehrerInnen dabei helfen, ihre Aufgaben zu bewältigen.

Was ist Supervision?

Für die ÖVS ist das Einsatzgebiet der Supervision überall dort, wo Kommunikation eine zentrale Rolle spielt. Ziel der Supervision ist es, im Einzelgespräch, im Team oder in der Gruppe berufliche Situationen zu reflektieren. Die damit verbundenen Herausforderungen sollen konstruktiv bewältigt, Konflikte gelöst und Veränderungsprozesse zielführend gestaltet werden. "Wir sind bemüht, die Supervision qualitätsmäßig abzusichern", so Knopf. Supervision ist zum Beispiel in der Sozialarbeit und bei Unternehmen längst selbstverständlich, im Schulbereich wird sie noch nicht so stark genutzt. Für Knopf hat "die Supervision den Sinn, das Interesse der Lehrperson an dem Gegenstand und den Kindern aufrechtzuerhalten", denn wenn der Kontakt zwischen Lehrperson und Kindern und Unterrichtsgegenstand stimme, sei gleichzeitig auch die Qualität an der Schule gegeben.

"Supervision wird als Mangel angesehen"

"Nach wie vor gibt es das Gefühl, Supervision ist so etwas wie ein Mangel", bedauert Knopf. Für die Lehrer wäre es wichtig "wahrzunehmen, dass es kein Defizit ist, wenn man sich beraten lässt." Warum Supervision für viele LehrerInnen nicht attraktiv schein, erklärt Jarmai so: "Die Lehrer haben wahrscheinlich gelernt, immer als Herr der Situation gesehen zu werden." Madeleine Castka, im Vorstand der ÖVS und Supervisorin: "Wo Supervision noch nie in Anspruch genommen wurde, habe ich das Gefühl, dass das Wissen fehlt, was mit Supervision gemacht werden kann." Von den DirektorInnen werde überhaupt oft zu wenig kommuniziert, dass Supervision in Anspruch genommen werden könne.

Verpflichtende Supervision?

"Es sollte keine Pflicht sein, sich helfen zu lassen. Die Bedingungen für die Supervision sollten verbessert werden," so Jarmai. Peukert hingegen sieht eine verpflichtende Supervision als Bereicherung und Entlastung für die Lehrer, da dann niemand das Gefühl hätte, er müsse als Einziger Hilfe beanspruchen.

Bewusstseinsbildung

Für Castka ist die Bewusstseinsbildung für Supervision wichtig: "Ich wünsche mir, dass Supervision selbstverständlicher wird in der Schule." Sie fordert auch mehr Autonomie in diese Richtung. Peukert wünscht sich, "dass die Supervision ein normales Angebot ist, eine freie Supervisionswahl und ein Finanziermodell dazu." Knopf fordert, "dass Supervision in die Ausbildung sämtlicher Lehrberufe integriert wird, dass Supervision in Schulen vollkommen alltäglich wird und dass ich als Arbeitgeber das Angebot der Supervision biete."

Von Marietta Türk
  • Wolfgang Knopf, Vorsitzender der ÖVS: "Die Supervision hat den Sinn, das Interesse der Lehrperson an dem Gegenstand und den Kindern aufrechtzuerhalten."
    foto: övs

    Wolfgang Knopf, Vorsitzender der ÖVS: "Die Supervision hat den Sinn, das Interesse der Lehrperson an dem Gegenstand und den Kindern aufrechtzuerhalten."

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