Wiederaufbau spaltet Tsunami-Überlebende

22. November 2005, 19:22
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Streit um die Hundert-Meter-Marke am Indischen Ozean

Telewatta - Ein Betonpfeiler inmitten von Kokospalmen im Küstenort Telewatta im Süden von Sri Lanka könnte dort den Ausschlag bei der Präsidentschaftswahl geben. Das hängt mit dem umstrittenen Wiederaufbauprogramm der Regierung in Colombo nach der Flutkatastrophe vom vergangenen Dezember zusammen. Landesweit kamen damals mehr als 31.000 Menschen ums Leben.

Schon kurz nach dem Tsunami vom 26. Dezember erließ die Regierung eine Bestimmung, wonach in einem 100 Meter breiten Abschnitt hinter der Küste nicht gebaut werden darf. Häuser, die dort schwer beschädigt oder vollkommen zerstört wurden, dürfen nicht wieder aufgebaut werden. Ausgenommen von dieser Regelung sind lediglich leicht beschädigte Gebäude. Der Betonpfeiler markiert die Grenzlinie.

Sperrgebiet

Wessen Haus beziehungsweise dessen Überreste in Telewatta in dem "Sperrgebiet" liegt, der wird im Zweifelsfall sein Kreuzchen beim Oppositionsführer Ranil Wickremesinghe machen. Die meisten etwas weiter landeinwärts lebenden Einwohner dürften hingegen Regierungschef Mahinda Rajapakse ihre Stimme geben. Die bisherige langjährige Amtsinhaberin Chandrika Kumaratunga tritt bei der Präsidentschaftswahl nicht wieder an.

Der 44-jährige Athula Mendis kann über den Wideraufbau nicht klagen. Sein neues Heim mit drei Schlafzimmern, Küche und Bad ist schon bis zum Dach gediehen. Seine sechsköpfige Familie ist in der Zwischenzeit in einer stabilen Baracke untergebracht, die eine dänische Hilforganisation errichtete.

Gutscheine für Nahrungsmittel

"Die Regierung hat sich gut um mich gekümmert", sagt Malermeister Mendis. Er habe 68.000 Rupien (571 Euro) als Entschädigung erhalten, außerdem Fördergelder für das neue Haus und sogar Gutscheine für Nahrungsmittel. Deshalb steht für ihn auch fest: "Ich werde Mahinda wählen".

Anders liegt der Fall bei Nanda Kulasena, die ihr Hab und Gut im direkt am Indischen Ozean gelegenen Abschnittt verlor. Sie gerät schon in Rage, wenn der Name des Regierungschefs bloß erwähnt wird. "Was hat der denn schon für uns getan?", ereifert sie sich. "Die auf der anderen Seite der Linie kriegen Häuser, Geld, Esssen. Und was kriegen wir? Nichts! Wir haben unsere Häuser verloren, unsere Kinder. Was bleibt uns übrig? Gar nichts!" Als ihr Zorn sich etwas gelegt hat, räumt sie ein, dass sie und ihre Familie immerhin insgesamt 200.000 Rupien in vier Raten ausgezahlt bekamen.

Oppositionsführer

Doch für Kulasena ist das nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein. Deshalb ist ihre Stimme Oppositionsführer Wickremesinghe sicher. "Er hat versprochen, mit der 100-Meter-Linie aufzuräumen. Das ist doch ohnehin alles Quatsch. Hier bei uns reichten die Flutwellen 500 Meter landeinwärts. Diese 100-Meter-Marke ist doch vollkommen künstlich!"

Die Geschäftsleute H.A. Ranjith und seine Frau Andireka sehen nicht ein, warum sie ihr direkt am Meer gelegenes chinesisches Restaurant im etwas weiter südlich gelegenen Hikkaduwa nicht wiederaufbauen dürfen. "Die Regierung hat uns aufgefordert, die Bauarbeiten einzustellen. Aber darüber haben wir uns hinweggesetzt. Und bisher sind sie noch nicht gekommen, um alles wieder abzureißen", sagt Andireka, während sie aus dem kaputten Esslokal auf den idyllischen Fischerhafen von Hikkaduwa schaut.

Wiederaufbau

Der Bürgermeister von Hikkaduwa, Manoj Jayasuriya, ist überzeugt, dass die Kontroverse um die hundert Meter schon bald nach der Präsidentschaftswahl keine Rolle mehr spielen wird. Abgesehen davon gefällt ihm die Regelung auch nicht. "Damit gerät unser Ort beim Wiederaufbau ins Hintertreffen", sagt er.

Tsunami-Überlebende, die in Hikkaduwa in Bretterbuden hausen müssen, haben dagegen ein wirkliches Problem. "Uns greifen jede Nacht die Stechmücken an", sagt H.L. Asoka. "Unser Haus war weiter weg als 100 Meter. Aber zum Wiederaufbau fehlt uns das Geld. Mir ist egal, wer Präsident wird. Hauptsache er befreit uns von den Moskitos". (APA/AFP)

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