Offener Brief: Trendwende im Säkularisierungsprozess?

17. November 2005, 11:20
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Christian Fiala von Gynmed über religiöse Übergriffe vor seiner Klinik und dem daraus entstehenden "Säkularisierungspotentials"

An die Mitglieder der Österreichischen Bischofskonferenz

Wien, am 8. November 2005

Sehr geehrte Mitglieder der Österreichischen Bischofskonferenz,

Wie den zahlreichen Medienberichten zu entnehmen ist, haben Sie mit dem Papst in Rom unter anderem über den zunehmenden Säkularisierungsprozess in Österreich gesprochen. Diese Entwicklung ist nicht neu und hat gute Gründe. Ich darf Ihnen dazu aus eigener Erfahrung eine kleine Beobachtung mitteilen.

Ich bin Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Wien. U.a. betreue und behandle ich Frauen, die mit einer ungewollten Schwangerschaft zu einem Abbruch der Schwangerschaft kommen. Keine der Frauen, die ich bisher gesehen habe, macht sich die Entscheidung leicht. Wenn sie sich trotzdem für diesen Schritt entscheiden, dann deshalb, weil sie keine andere Lösungsmöglichkeit sehen. In dieser Situation treffen diese Frauen vor unserem Ambulatorium auf Menschen katholischen Glaubens, die gezielt auf sie warten, sie ansprechen, ihnen Material übergeben und häufig Plakate umgehängt haben, welche mit emotionellen, inhaltlich falschen Bildern schockieren wollen. Diese Menschen nennen die Frauen "Mörderin", sprechen sie mit "du" an, stellen sich gelegentlich in den Weg und versprechen helfen zu können, wo sie doch nicht im Mindesten die Situation der Frauen kennen, ja nicht einmal daran interessiert sind, wo deren Probleme sind oder ob die Frauen überhaupt mit ihnen sprechen wollen. Zusammenfassend kann ich Ihnen berichten, daß die Aktionen der Menschen vor unserem Ambulatorium bei praktisch allen Patientinnen und ihren Begleitpersonen eine Wut, teilweise eine maßlose Wut, auslösen. (Den Bericht einer Patientin finden Sie beiliegend.) Was von den religiös motivierten Demonstranten als besonders empörend empfunden wird, ist der absolute Mangel an Respekt für andere Menschen, insbesondere für Frauen in einer Krisensituation. Diese Wut richtet sich in gleichem Ausmaß gegen die Menschen vor dem Ambulatorium wie auch gegen die Katholische Kirche, die sie vertreten.

Wie bekannt, ist ein Abbruch für die meisten Frauen ein schwieriger Schritt. In Erinnerung bleibt vielen dieser Frauen, neben der Wut über die beleidigenden und entwürdigenden Übergriffe der Demonstranten, vorallem die große Enttäuschung über die Katholische Kirche, die sie in dieser schwierigen Situation nicht nur nicht unterstützt, sondern mittels der Demonstranten auch noch Salz in die offene Wunde gestreut hat. Wenn Sie geehrte Mitglieder der Bischofskonferenz von der realistischen Annahme ausgehen, daß etwa 3 von 4 Frauen in Österreich einmal in ihrem Leben einen Abbruch vornehmen lassen und ein großer Teil von ihnen diesen religiös motivierten Übergriffen ausgesetzt ist, so ergibt sich daraus ein beachtliches Potential für den anhaltenden Säkularisierungsprozess. Darüber hinaus ist unklar, wie unter diesen Voraussetzungen eine “Trendwende” dieses Prozesses möglich sein soll.

Wenn die großen Worte der Katholischen Kirche von Nächstenliebe nicht nur leere Worte sind, möchte ich an Sie appellieren, diese Frauen wenigstens zu akzeptieren und anzunehmen, wenn Sie in den katholischen Krankenhäusern schon nicht für sie sorgen können oder wollen. Annehmen hieße aber auch, die Entscheidung der Frauen für einen Abbruch zu akzeptieren und sie nicht mit emotionalen und inhaltlich falschen Argumenten, sowie psychischen Übergriffen einzuschüchtern, wie dies tagtäglich u.a. durch die Organisation Human Life International (HLI) und mit Unterstützung der Kirche "Maria vom Siege" in Wien geschieht.

Es ist Ihnen hinreichend bekannt, daß es schon immer Schwangerschaftsabbrüche gegeben hat und die Häufigkeit nur durch eine häufige Anwendung von Verhütungsmitteln zu senken ist. Ich darf in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, daß im internationalen Vergleich Holländerinnen mit Abstand die niedrigste Rate an Abbrüchen haben. Es ist Ihnen auch bekannt, daß die Legalisierung des Abbruchs nicht zu einer Zunahme der Häufigkeit von Abbrüchen geführt, jedoch dazu beigetragen hat, daß heute praktisch keine Frau mehr an dem Eingriff verstirbt, wie es früher an der Tagesordnung war.

In diesem Sinne verbleiche ich mit freundlichen Grüßen

Dr. Christian Fiala

Bei dem vergangenen "ad limina"-Besuch der österreichischen Bischöfe in Rom wurde vom Papst u.a. der Säkularisierungs- prozess und allfällige Maßnahmen zur Trendumkehr zur Sprache gebracht. Im folgenden ein offener Brief von Dr. Christian Fiala, Leiter des Gynmed Ambulatoriums, der zum Thema ein paar Beobachtungen aus der Betreuung von Frauen beim Schwangerschafts- abbruch beisteuert:

Link

Gynmed

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