Design findet Quartier

23. November 2005, 15:47
posten

Im Jänner eröffnet im Wiener Museumsquartier das Designforum: Designer, Wirtschaftstreibende und ein breites Publikum sollen zueinander finden

Das Designforum ist nicht der erste Versuch, Berührungsängste zu überwinden, die bisher die Annäherung hemmten. Aber während in aller Welt in den vergangenen Jahren Designzentren entstanden - in Helsinki, London, Bratislava, Prag, Budapest -, wurde hier zu Lande das "Österreichische Institut für Formgebung" geschlossen. Beherzt nimmt die kreative Szene jetzt neuen Anlauf: Im Museumsquartier soll endlich zusammenkommen, was sich gegen das Zusammengehören bisher hartnäckig gewehrt hat: Kreative, Publikum und Wirtschaftstreibende.

Warum dem Designforum jetzt mehr Fortüne vergönnt sein soll? "Weil die Bedingungen absolut perfekt sind", sagt Alexander Szadeczky, einer der Vorstände und als Kopf von "nofrontiere-Design" für den Umbau des ehemaligen Depots im Museumsquartier zum Designforum verantwortlich. "Das Museumsquartier ist die ideale Location - zentral gelegen, Millionen Besucher im Jahr", beginnt er die "Pros" aufzuzählen. "Zweitens: Die Industrie hat Design als Wirtschaftsfaktor entdeckt und fragt so intensiv wie nie zuvor nach Designern", und außerdem rede alle Welt von den creative industries, was auch erhöhtes Publikumsinteresse garantiere. Szadeczkys Fazit: "Wir springen jetzt genau zur richtigen Zeit auf den Zug auf".

Wie weit man dabei kommen wird, ist allerdings die Frage

Bei der Bespielung der neuen Plattform bleibt vorerst die Handbremse gezogen, denn das Budget von 500.000 Euro reicht momentan nur für den Basisbetrieb. Der Berufsverband Design Austria und die wirtschaftsnahe österreichische Design Stiftung, auf deren Initiative das Designforum entstand, wickeln in den Räumlichkeiten das Tagesgeschäft ab und verfolgen den eigentlichen Zweck des Forums: den Aufbau von Partnerschaften, die Vernetzung der zahllosen Designinitiativen und die Vermittlung designrelevanter Themen an die interessierte Öffentlichkeit. "Wenn Schulklassen zu uns kommen, um sich über Design zu informieren, haben wir gewonnen", konkretisiert Szadeczky eines der Ziele des Designforum-Vorstands. In diesem sitzen außer ihm Severin Filek, Geschäftsführer von Design Austria, Gerald Kiska, Österreichs arriviertester Industrial Designer (u. a. KTM, Adidas, Silhouette), und der steirische Architekt Hermann Eisenköck, Gründungs- und Vorstandsmitglied der österreichischen Design Stiftung. Die Hürden auf dem Weg zum Ziel, Österreichs erste Schnitt- und Vernetzungsstelle für Design zu sein, sind großräumig verteilt.

Nicht genug damit, dass in der kreativen Szene immer noch Ressentiments gegen das Entwerfen für die Industrie vorherrschen, weil Kunst und Kommerz vielen nicht vereinbar scheinen, auch beim Verständnis, was Design ist, ortet Szadeczky Aufklärungsbedarf: Noch immer verstünden die meisten Menschen unter Design primär Oberflächengestaltung. Wer aber mit der Erwartungshaltung kommt, im Designforum gefälliges Designerkunsthandwerk vorgeführt zu bekommen, eine Art Filiale des Spittelberger Weihnachtsmarktes womöglich, wird grob enttäuscht werden: Eine der ersten Ausstellungen wird Geschäftsberichten gewidmet sein. "Das klingt trocken, aber dass Österreicher bei internationalen Wettbewerben über die schönsten Bücher oder Jahresberichte regelmäßig Preise abräumen, geht momentan völlig unter", sagt Szadeczky.

Auch bei der großen Eröffnungsschau im Jänner...

... wenn man mit einer KTM-Schau mehr in Richtung Populärkultur schielt, geht es nicht um die Präsentation hochglanzpolierter Chromteile, sondern um die umfassende Begriffsklärung: "Design bedeutet heute das Entwerfen, Gestalten und Produzieren von Systemen im Hinblick auf deren sinnvolle Nutzbarkeit", definiert es Tammo Trantow, der die inhaltliche Gestaltung des Forums verantwortet. "Wir wollen den gesamten Prozess nachvollziehbar machen."

Einmal im Jahr verwandelt sich das Forum für eine Woche in einen Designermarkt und konzentriert sich auf seine Vermittlerrolle. Die Präsentation der Abschlussarbeiten von Designstudenten aus ganz Österreich soll Vertretern aus Industrie und Wirtschaft, Presse und Publikum zeigen, welches Potenzial hier schlummert, und das Knüpfen fruchtbarer Kontakte erleichtern. Große Erwartungen also, aber was, wenn auch diesmal nach der ersten Euphorie den Beteiligten sukzessive die Luft ausgeht? "Dann gehe ich in Pension," sagt Alexander Szadeczky. Und lacht ein wenig bitter.
Susanne Rössler/Der Standard/rondo/18/11/2005)

Designforum im MQ
Museumsplatz 1
schräg gegenüber des Restaurants Una
1070 Wien
Tel.: 524 49 490
Fax: 524 49 494
  • So schaut's aus, das 3-D-Modell des Kommunikationsdecks im Designforum. Hier soll künftig eine Menge rund um das Thema Design passieren.
    foto: designforum

    So schaut's aus, das 3-D-Modell des Kommunikationsdecks im Designforum. Hier soll künftig eine Menge rund um das Thema Design passieren.

Share if you care.