Come on, Habibi!

27. November 2005, 18:33
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Syrien präsentiert sich mit dem "Seiden­straßen­festival" als Touristen­destination

... Viel mehr für dieses Profil sprechen aber die beeindruckenden antiken Stätten.

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Syriens Schätze liegen, auch wenn sich die Investitionen in die touristische Infrastruktur in den vergangenen vier Jahren versiebenfacht haben, noch teilweise brach. Das Land gilt primär als Krisengebiet und weniger als Urlaubsziel. Für diese Einschätzung gibt es leider immer wieder neuen Stoff, siehe jüngst die Anschuldigungen im Falle des Hariri-Mordes.

Es ist ein Kampf gegen Windmühlen,...

...den das syrische Tourismusministerium da ficht. Gegen alle Vorhaltungen bastelt das Wüstenland an einem neuen Image, bei dem antike Ausgrabungsstätten, idyllische Suks und Bootsfahrten auf dem Euphrat eine wichtige Rolle spielen. Ein Signal sendet Syrien mit dem seit 2001 im ganzen Land ausgerichteten so genannten Seidenstraßenfestival: Internationale Folkloregruppen erinnern in Performances an die einst völkerverbindenden Stätten des Mittelmeerstaates, an eine Zeit, als Karawanen auf der Fernhandelsroute von China nach Westen zogen und vor Ort ein sagenumwobenes Multikulti herrschte. Dass beim diesjährigen Seidenstraßenfestival im September auch belgische Fahnenschwinger ihre Kunst zeigten, hat weniger mit dem Fernosthandel zu tun als mit dem Umstand, dass vor allem belgische Archäologenteams syrische Ausgrabungsprojekte geleitet haben.

Heutzutage lädt der Tourismusminister die zum Seidenstraßenfestival gekommenen Besucher an die Ufer des Euphrat. Sieht aus wie die Donau bei Krems. Man gesellt sich unter das vor der Sonne schützende Dach eines großen Beduinenzelts, auf dessen zur Gänze mit Perserteppichen ausgelegtem Boden man gruppenweise um die mit köstlichem Hammelfleisch gefüllten Schüsseln herum sitzt. Das (absolut rare) Fleisch ist deshalb so gut, weil die Schafherden auf den Wanderungen durch die Wüstensteppe zwar wenige, dafür aber einmalige Gräser/ Kräuter finden. Syrien ist also eher ein Vorspeisenland mit Bedacht auf Farbenpracht: Petersiliensalat mit Granatapfelkernen ...

Hier ist Mesopotamien noch ein Mesopotamien ...

... unserer Fantasie. Die Bewässerungsanlagen am Flussufer versorgen wie weiland schon die nahen Gemüseplantagen, ein Pferd tränkt sich allein vergnügt im Schilf, und eine einzige Blockflöte treibt Männer im Turban beim Tanz auf dem Zeltvorplatz an. Keine Islamdebatte, keine Wassernotgedanken, kein Hariri-Mord. Hier ruft man "Come on, habibi!": Schätzchen, dreh noch eine Runde! In solchen Momenten vergisst ein Land, das verständlicherweise am liebsten weit in seine Geschichte zurückblättert und sich zu Recht als "Wiege der Zivilisation" begreift (in Ugarit wurde das erste Alphabet in Ton geritzt), die gegenwärtige wirtschaftliche und politische Misslage.

Etwas weiter südlich, inmitten der flachen Wüstenlandschaft nahe der aus einem Dattelpalmenwald bestehenden Oase von Tudmur, liegt eine der gigantischsten antiken Ausgrabungsstätten überhaupt: der zwischen 31 vor und 31 nach Christus zu Ehren des semitischen Gottes Baal erbaute Tempel von Palmyra.

Am Mauerrand der insgesamt 42.000 Quadratmeter (!) großen Anlage, in der die Blutsteinrinne (Opfertiere) so groß ist wie ein mittelgroßes Drainagerohr, wohnt ein österreichischer Archäologe und versieht hier unter der brütenden Hitze seit Jahren seinen Dienst. Er pinselte die Reste einer römischen Prachtstraße (ohne Pflastersteine, weil für die weichen Hufe der Kamele gedacht) frei und restaurierte antike Turmgräber, in denen jeweils bis zu zweihundert Tote wie in Regalen beigesetzt wurden: ein Ort ohne Zeit, der bis auf die Souvenirhändler ganz vom Geist einer versunkenen Welt bewohnt wird.

Im herausgeputzten Amphitheater von Palmyra...

... geht abends unterm Wüstenhimmel dann doch die Post ab. Während ungeduldig auf die actionreichen Playbackshows des Seidenstraßenfestivals gewartet wird, bündeln sich auf den hinteren Rängen jugendliche Stimmen zu massiven Chören, die - wie Reiseleiter Ahmed ein wenig unsicher übersetzt - im Stakkato ihrem Präsidenten huldigen: "Meine Seele und mein Blut opfere ich für dich, Assad!" Vergleichbar damit ist nur die Rapid-Tribüne.

Der Präsident ist beliebt, und wenn man durch die belebten Suks von Damaskus spaziert, um Bauchtanzzubehör oder Goldschmuck zu kaufen, begrüßt einen sein schon vergilbtes Konterfei fast in jedem der winzigen Läden. "Assad ist anders als noch sein Vater, volksnah. Er geht hier in der Nähe oft mittagessen und winkt uns dann zu", sagt Oriental-Arts-Händler Husam Al Khouli, dessen florierendes Geschäft direkt hinter der großen Omayyadenmoschee liegt. Dieses zentrale Gotteshaus, einst Tempel, dann Kirche (Grab Johannes des Täufers), dann Moschee der Omayyaden, wurde trotz seiner Exponiertheit nicht zur Gänze dem Tourismus überlassen, im Innenhof tummelt sich das Damaszener Leben, hier wird gepicknickt, gebetet und - wer im Disco-Bus keinen fand - dem Schlaf gefrönt.

Allgemeine Informationen und Visum: Botschaft der Arabischen Republik Syrien, 1030 Wien, Daffingerstraße 4, Tel.: (01) 533 46 33, Fax: (01) 533 46 32.
Veranstalter: Geo Reisen bietet z. B. eine Silvesterreise nach Syrien an, auch andere Veranstalter wie Botros Tours oder Studiosus haben Syrien im Programm.

(Der Standard/rondo/18/11/2005)

Margarete Affenzeller war vor Ort
  • Picknick und Gebet: im Innenhof der Omayyadenmoschee in Damaskus.
    foto: affenzeller

    Picknick und Gebet: im Innenhof der Omayyadenmoschee in Damaskus.

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