Badeneuland hinterm Bambuszaun

6. Dezember 2005, 11:41
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Fast 3000 Kilometer lang ist Myanmars Küsten­linie, die zu­nehmend als Bade­landschaft entdeckt wird. Robert Haidinger entspannte sich an der Ngapali Beach

Einsam starrt ein grünes Holzkrokodil auf die Bay of Bengal hinaus, bedrängt von einem Tiger mit grob geschnitzten Glupschaugen - Ethno-Mobiliar, wie es neuerdings auch Burmas Beaches beschleicht. Ngapali heißt die Ecke, und mehr der unvermeidlichen Asiatika finden sich in den Vitrinen des von Orchideen und Trompetenblüten durchwirkten Openair-Restaurants: Eine eigene Tabletop-Linie aus unlackiertem Bambus haben die Besitzer des Sandoway-Resorts entworfen, desgleichen Barstühle mit Elefanten-Stoßzahn-Optik.

Die Holzverarbeitung im feinsten Beach-Ressort des Landes verweist aufs dekorative Können des Dorftischlers, und auch die Drinks kommen mit hübsch geschnitzten Papaya-Sternen auf den Tisch. Nahtlos fügen sich diese Details in die von Originalvorlagen strotzende Umgebung ein. Denn urig und zugleich für kunsthandwerkliche Finessen begnadet ist Burmas schönster Strand bis heute: eine Gegend, an der zierliche Ochsenkarren-Cabrios die Wasserlinie entlangzuckeln und in der sogar die mit Palmblättern bedeckten Einbaum-Boote wie Ethno-Skulpturen im Sand liegen. Verändert hat sich die Szenerie mit dem Kurzflug von Yangon nach Thandwe, dem Gateway zu Myanmars bekanntestem Badeort Ngapali, allemal. Zierliche Holzhäuser und Pfahlbauten prägen plötzlich das dörfliche Bild.

Statt des Stotterns der Benziner-Tuktuks dringt ländliches Entengequake ans Ohr. Die Ampellichter der Großstadt haben sich ins frische Leuchten von Bananen-Grün, Papaya-Orange und Weihnachtssterne-Rot verwandelt, und geflochtene Bambuszäune übernehmen lückenlos den Leitplanken-Job. Klar, ein wenig von den Codes und King-Size-Attitüden des Westens findet sich auch hier. Fischer zum Beispiel, die im trendigen Beckham-Trikot zur Morgenschicht erscheinen. Aber eher noch läuft einem zwischen Ngapalis Palmblatthütten und den Demarkationslinien der eilig zwischen Palmen gepferchten Resorts doch der Typus "richtiger Wassermann" über den Weg: die Glut der ewigen Cheroot-Zigarre vor den salzigen Lippen, Totenkopftattoo am Unterarm. Sogar mit Fischernetz bekleidet, sehen die Typen fit aus: Wie eine römische Toga hängen die Polyestermaschen über den gelbbraunen Schultern, dekorativ glänzen die daran verteilten silbrigen Fischlein. Karl Lagerfeld würde angesichts so viel archaischer Wucht wohl niederbrechen und dabei atemlos vermelden: "Das Urbild des Fischers gefunden!"

Ngapalis blaugrünes Meer, der puderweiche Sand, die Tuschelpalmen - sie alle passen als Synonym einer unbeleckten Beach perfekt dazu. "Not true, this is tourist country", sagt Yoo, der zottelige, dicke Reggae-Bär aus Yangon und Bassist der "Reggae Warriors". Tage nach seinem Gig beim Wasserfest ist Yoo noch immer da.

Die Kumpel sind längst abgefahren...

... Yangon by bus, 14 Stunden über hügeliges Terrain. Aber Yoo haben sie zurückgelassen, er hatte nach dem Gig einfach verschlafen. Jetzt sitzt er in der Sonne, in Ngapalis zweiter Reihe, dort, wo sich hinter den Strandhotels eine Reihe kleiner Lokale gebildet hat, und fachsimpelt über Technik, genauer: über Trinktechnik. "Du nimmst den Blechbecher", sagt Yoo, der ReggaeBär, mit ernster Miene, "und füllst ihn mit Grand Royal Special Reserve - oder meinetwegen auch mit Myanmar Whiskey, aber dann wählst du denjenigen mit dem blauen Etikett. Und jetzt, wichtig: du versenkst ihn in einem vollen Glas Bier - so." Sanft und langsam taucht das Becherchen nach unten, lässt ein Schnapsfähnlein nach oben steigen, das sich in kleinen, kontinuierlichen Dosen mit dem Gerstensaft vermengt. Typisch für die milde, leicht schräge Weise, in der einen Ngapali auf Dauer einlullt, ist der Drink. Das unterstreicht auch die Art und Weise der soeben hereinbrechenden Dämmerung.

Schon tasten die schwarzen Finger der Palmwedel in der lila Himmelssuppe umher. Schon kurven die ersten Fledermäuse durchs Geäst der Jackfruit-Baumriesen. Ein Geruch von fliegenden Fischen und schlafender Schönheit liegt in der Luft. Ja, selbst der verheerende Tsunami verschonte die mit Mangroven und intakten Riffen gepufferte Region - Myanmar kam in diesem Falle glimpflich davon.

Burma hat eine Küstenlinie von 2832 Kilometern, dazu über tausend kleinere und größere Inseln. Badende Touristen kennt man in den zahlreichen Fischerdörfern der Rakhaing Coast und der südlichen, parallel zur thailändischen Landesgrenze verlaufenden Tanintharyi-Küste in der Regel trotzdem nur vom Fernsehen - etwa, wenn TV Myanmar, der Sender der herrschenden Militärdiktatur, zwischen den lähmenden Folksong- und Militärmarsch-Orgien seinen nationalen Wetterbericht mit Bildern von ausländischen Holiday-Makern aufpeppt.

Gefilmt werden diese natürlich in Ngapali Beach, das Anfang der Neunzigerjahre als erste echte Badedestination entwickelt wurde und das nun in einer mittellangen Bucht eine Hand voll Hotels und Guesthouses beherbergt. Bleiben in Summe also noch knapp 2828 Küstenkilometer reinen Pionierlandes.

In Umrissen taucht ein Stück davon gerade auf

Yoo, der ReggaeBär, hat Herrn Zaw mitgebracht, und dieser skizziert soeben eine Reiseroute im weichen Sand. Ngapali, Thandwe, Gwa, Kanthaya Beach, Pathein - eine richtige Autobahn rillt Herrn Zaws Finger in den Strand, aber dann formt er auch ein Häufchen Sand und schiebt es zwischen Kanthaya und Pathein. Das sind die gefürchteten Arakan Ranges, tuschelt Yoo fast ehrfürchtig, und Zaw nickt ernst: Exakt! Hohe Berge, miese Kurven, wilde Tiere. Also macht das Häufchen Sand fünfzig Dollar extra. Im Ernst? Ja, doch! Herr Zaw, Chef des Zaw Restaurants und vor allem Besitzer eines Autos, nämlich des Zaw-Toyotas (in einer Gegend wie Ngapali immer noch eine kleine Sensation), weiß nämlich schon, wovon er redet, und rechnet alles Weitere vor: Nach Gwa ist es weit. 85 Kilometer, sechs Stunden Minimum.

Am nächsten Vormittag wird klar: Es werden eher zehn. Einen kleinen Vorgeschmack auf die unglaubliche ländliche Unberührtheit der Provinz Rakhaing, die Myanmars nördliche Küste umfasst, offeriert unterwegs bereits Thandwes ältester Tempel. Seit dem 8. Jahrhundert thront der Sandaw Paya über der alten Stadt, die, wie ganz Rakhaing, stets mehr vom benachbarten indischen Bengalen beeinflusst war als vom burmesischen Kernland um Mandalay oder Bagan.

Grün und dunstig breitet sich das Land hinter Thandwes großzügigen Holzhäusern aus - ein verlässlicher Vorgeschmack auf die kraftstrotzende Ruhe der Wasserbüffel im schlammigen Reisterrassen-Spa, auf all die Lehmcanyons und Roterdekrater der von sommerlichen Regengüssen gepeitschten Straßenreste, die sich in diesem Land verlieren.

Durchquert man es von Thandwe/Ngapali...

... in südlicher Richtung, taucht Stunden später wie eine Oase die Kanthaya Beach auf. Denn eine durchgängige Straße gibt es hier nicht, zumindest nicht an der Küste. Mangroven und Felsen prägen weite Strecken der Rakhaing Coast, und die wenigen Stichstraßen zu den Fischerdörfern nimmt man ohne Allrad besser gleich zu Fuß. Kanthaya ist da eine Ausnahme, idyllisch - und wohl so ähnlich, wie Ngapali vor einem guten Jahrzehnt ausgesehen haben mag: feiner Sand, auf dem über mehrere Kilometer lediglich perfekt aufeinander eingespielte Fischerteams und vielleicht noch die eine oder andere Erholung suchende Kuh ihre Spuren hinterlassen.

Ferner solider Palmen-Background und ein von Termiten und Regierungsschlafmützen weniger solide geführtes einziges Resort. Viel Bambus, aber keine Elefanten, schlecht rasierte Hügel mit struppig grünem Bewuchs, aber das Urrind Gaur nicht in Sicht. Dafür ein erster Platter, dann gar ein zweiter. Herr Zaw kommt ins Schwitzen, sogar im Schatten, von wo aus er dem sicherheitshalber mitgebrachten Mechaniker zusieht.

Jetzt zeigen die Arakan Ranges ihre Zähne und ihre Lücken zugleich. Die Lücken überwiegen, denn viel ist vom natürlichen Bewuchs des als Biosphäre gehypten Küstengebirges nicht geblieben - zumindest nicht dort, wo sich die Straße von Gwa aus ins Irrawaddydelta hinüberschlängelt. Die Tropenholz-Mafia und der Brandrodungsfeldbau haben ganze Arbeit geleistet.

Umso saftiger verläuft der weiterführende Trip ins Deltagebiet des mächtigen Irrawaddy, der Lebensader Myanmars. Kanälchen und Enten, quietschgrüne Reisfelder, welche die beste Qualität des Landes liefern, die Duftreissorte Pawsanmwe htamin, und das Defilee seidiger Sonnenschirmchen auf schmalen, erdigen Stegen - so sehen wesentliche Elemente einer dicht gewobenen Kulturlandschaft aus.

Service

Beste Reisezeit: Von Oktober bis April.
Anreise: z. B. mit Qatar Airways via Doha.
Unterkunft: www.sandowayresort.com
Burmas vermutlich feinstes Beach Resort braucht den internationalen Vergleich nicht zu scheuen. Die italienisch-burmesisch Besitzer haben hier eine Designer-Oase geschaffen.
Einreise: Reisende benötigen ein Visum, das in Deutschland (Zimmerstraße 56, 6. Etage, D-10117 Berlin-Mitte, Tel.: (004930) 206 157 10, Fax: 206 497 57) beantragt werden muss. Ein Visum ist auch in Bangkok (Botschaft von Myanmar, 132 Sathorn Nua Road), meist innerhalb von 24 Stunden, erhältlich.
Sicherheit: Kontaktaufnahme mit Regimekritikern oder Oppositionsgruppen, Kritik am Militärregime, politische Äußerungen und Demonstrationen gegen die undemokratischen Zustände im Lande können mit Verhaftung, Abschiebung oder langjährigen Haftstrafen geahndet werden.
Die Studie "Golden Burma oder terra non grata?" ist bei "respect", Institut für Integrativen Tourismus und Entwicklung, erhältlich: www.respect.at.

(Der Standard/rondo/18/11/2005)

  • Ethno-Mobilar findet sich zwar schon bisweilen an Burmas Stränden, daneben gehen aber noch Vollerwerbsfischer ihrer Arbeit nach...
    foto: der standard

    Ethno-Mobilar findet sich zwar schon bisweilen an Burmas Stränden, daneben gehen aber noch Vollerwerbsfischer ihrer Arbeit nach...

  • ... und auch die Kinder baden ganz authentisch.
    foto: der standard

    ... und auch die Kinder baden ganz authentisch.

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