Fensterpolster

16. Oktober 2006, 12:02
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Nur was für alte Leute - Oder: Der gute Polster passt gut zu seiner Zeit

+++Pro
Von Wolfgang Weisgram

Natürlich ist das nur was für alte Leute, für uns, wenn man also so will. Junge neigen nur selten dazu, einem inneren Drang zum Spechtln zu folgen. Dann aber, wenn das Stiegensteigen beschwerlicher, die Sehnsucht schmäler und das Bild, das man sich vom Draußen macht, unschärfer geworden ist, dann wird das Fenster zu einer Art Notausgang aus der eigenen Verdrießlichkeit.

Und warum soll so ein Notausgang nicht bequem gepolstert sein? Es wird doch niemand ernsthaft darüber spotten wollen, wenn eine oder einer sich im bequemen Fauteuil einrichtet, wenn sie oder er bei "Willkommen Österreich" jene Aufregung sucht, die der Alltag nicht mehr bereithält. Nichts anderes tut der Fenstergucker und die Fensterhex', beide keineswegs jene Phänomene, die nur im sozial vereinsamten Ballungsraum zu finden sind. Ab einem gewissen Alter will man eben wissen, was läuft. Und da Ellbogen sehr empfindliche - um jetzt nicht zu sagen: empfindsame - Körperteile sind, ist so ein Fensterpolster geradezu eine Art Muss - um jetzt nicht zu sagen: must.

Mögen andere ruhig spötteln darüber: Dein narrisches Baa wird's dir danken. Und du ihm.

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Contra---
Von Benno Zelsacher

Weil die Welt so furchtbar kompliziert ist, flüchtet der Mensch bisweilen in die Pauschalierung und schert alles über einen Kamm, macht nicht einmal vor einem auf den ersten Blick so simplen Ding wie dem Fensterpolster halt. Dabei ist ein Polster, der am Fenster liegt, genauso wenig ein Fensterpolster wie das Gewand, welches beispielsweise ein Kärntner anzieht, gleich ein Kärntneranzug ist.

Wie überall gibt es Gute und Schlechte. Der gute Polster ist jener, den sich der Mensch aufs Fensterbrettl legt, auf dass er, derart seine Ellenbogen vor Ungemach schützend, nicht versäumt, was draußen in der Welt so vor sich geht, in seiner Bereitschaft zur Mobilität passt der Gute noch dazu schön zur neuen Zeit. Der schlechte Polster ist jener, der jahraus, jahrein zwischen Außenfenster und Innenfenster wohnt und dem, wenn er Glück hat, alle heiligen Zeiten die Haut abgezogen und gewaschen wird. Über den gilt es herzuziehen, der hat wirklich nichts anderes verdient.

Vor Zugluft soll er schützen, dieser stationäre Taugenichts? Mitnichten! Er hält die Leute nur davon ab, die Fenster besser abzudichten.
(Der Standard/rondo/18/11/2005)

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