Kommentar der anderen: Dancing Stars in der Knochensuppe

16. November 2005, 19:23
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"Gesichter der Schule", von innen betrachtet - Ein Kommentar der anderen von Nikolaus Glattauer

Die STANDARD-Serie ist ja, fürchte ich, die siebzehnte seit Pisa, in der Leute ernste Sätze zur Schule sagen und sich dann lustig nix ändert. Diesmal hat das Ganze aber schon lustig begonnen: "Winkerlstehen, das gibt's nicht mehr", behauptet eine Grazer Volksschullehrerin und beschreibt dann ihr Leben als Lehrerin: eh voll supi!

Also, ich habe in den letzten zehn Jahren in einem Dutzend (Wiener Pflicht-)Schulen gearbeitet (ein Intermezzo als Springer mit eingerechnet), da war keine dabei, in der die Kinder nicht regelmäßig so was wie "Winkerlstehen" mussten. Und noch ganz andere Sachen.

Onur, wie oft muss ich dich noch bitten, deine Hefte auf den Tisch zu legen. - Deutsch ist scheiße. - Raus auf den Gang! - Das dürfen Sie nicht. - Brauchst du einen Tritt oder willst in den Pausen ein Herbstgedicht lernen?

Ich habe Lehrer kennen gelernt, die nur noch brüllen, wenn sie reden, Lehrer, die sich ihre Schüler mit Sarkasmus auf Distanz halten. Alles ganz normale Lehrer. Alles Leute, die einmal ganz normale Lehrer waren. Alles Leute, die dauernd in der Zeitung lesen müssen, was sie alles falsch machen und warum.

Die Gesichter der Schule, unsereiner kennt sie: die wenigen netten und die vielen Arschgesichter.

Der Direktor, der einem pädophilen "Kollegen" die Mauer macht, der arabische Vater, der mit dem Stadtschulrat droht, weil sein Kind zu wenig über Arabien lernt, der Bezirksschulinspektor, der nur denen hilft, die zur richtigen Partei gehören, die Ministerin, die ... ach, lassen wir die: Jeder braut seine Suppe - und die Lehrer sind die Knochen, die sich dafür auskochen lassen müssen. Das geht ans Mark.

Ich zum Beispiel kuriere, während ich das schreibe, gerade eine Lungenentzündung aus. Vor fünf Wochen hatte ich eine Bronchitis. Überhaupt dachte ich eine Zeit lang, dass ich plötzlich dauernd krank bin, seitdem ich unterrichte. Falsch gedacht. Krank war ich in meinem früheren Leben als Journalist auch, nur konnte ich damals mit einer Bronchitis immer noch telefonieren und anschließend mein Zeugs in die Maschine klopfen. Als Lehrer geht schon mit einem Schnupfen genau gar nichts.

Da stehst du ab dem Moment, an dem du das Schulhaus betrittst, auf der Bühne. Jede Minute, vier, fünf, sechs Stunden in einem Stück, eine Sprechrolle mit Publikum, dem du ununterbrochen einreden musst, dass es von dir etwas wollen sollte.

Will es nur meistens nicht.

Die Eltern wollen. Weil sie Geld verdienen gehen müssen. Weil sie jemanden brauchen, der ihnen derweil auf die Kinder aufpasst und nebenbei auch noch das Schuhebinden, Schreiben und Schönsprechen beibringt. Und dann kommt da dieser Elternvertreter und spricht vom Verkürzen der Sommerferien. Und vom Länger-offen-Halten an den Nachmittagen.

Soll er doch aussprechen, worum es der Gesellschaft wirklich geht: nicht um die Qualität der Schule, es geht um die Quantität. Die Gesellschaft braucht die Rund-um-die-Uhr-Schule, aber nicht, damit die Kinder mehr lernen (hört mir auf mit dem Pisa-Tamtam, wo es für Pflichtschulabgänger eh keine Jobs mehr gibt), sondern damit die Eltern mehr und länger arbeiten gehen können. Dafür hält man die Suppe am Köcheln. Dafür lassen sich die Lehrer Jahr für Jahr auskochen.

Wenn die Köche wenigstens das richtige Suppengrün verwenden würden ... Mehr Geld zum Beispiel: das Anfängergehalt eines Lehrers liegt um 30 Prozent unter dem eines 16-jährigen PC-Programmierers. So was frustriert. Weniger Schüler zum Beispiel: 80 Prozent der Methodik und Didaktik, die einem während der Ausbildung beigebracht werden, sind in Wahrheit Taktik im Partisanenkampf Lehrer gegen Klasse. Könnte man alles schmeißen, wenn ein Lehrer nie mehr als zehn Schüler gleichzeitig unterrichten müsste.

Dafür, Frau Minister, gehörten Strukturen aufgebaut. Stattdessen lassen Sie "Leibesübungen" in "Bewegungserziehung" umbenennen, wo eh jeder Turnen sagt. Gebt Lehrern ordentliche Arbeitsplätze (mit echten Möbeln und Regalen für ihr Werkzeug). Gebt ihnen einen Arbeitsauftrag, der auch durchführbar ist, zum Beispiel den: Die Schüler sollen in der Schule etwas lernen. Sonst nix. Oder den: Bewahrt möglichst viele Kinder möglichst kostengünstig auf! Aber dann lasst sie mit Pisa in Ruh.

Und gebt ihnen die positiven Schlagzeilen, wenn sie mehr schaffen, als zu erwarten war. Macht einfach nur das, was ihr bei den "Dancing Stars" gemacht habt. Sehr viel anders geht Schule nämlich eh nicht: hart üben, tanzen bis zum Abwinken, zusammenfassende Worte sprechen und Noten vergeben. Toni, Arabella & Co. werden, lese ich, für ihren Auftritt rund 70.000 Euro bekommen. Für so viel Geld, netto, arbeitet ein Lehrer in meiner Lohnstufe dreieinhalb Jahre.

Und weil wir bei den Noten waren: Auch die Leistungsbeurteilung gehört, wie von Karl Heinz Gruber gestern an dieser Stelle ausgeführt, neu überdacht - die für uns Lehrer nämlich. Wenn ihr da draußen wüsstet, was für Schwachköpfe Jahr für Jahr Lehrer werden dürfen, nur weil niemand die nötige Auslese vornimmt! Ich schwöre, ihr wäret für die Wiedereinführung des Hauslehrersystems.

Dafür haben die wirklich guten Lehrer (oh doch, die gibt es) keine Chance zu beweisen, wie gut sie sind. Und weil niemand zu begreifen scheint, was ein guter Lehrer alles bewirken, oder mehr noch: verhindern kann, bietet man ihnen auch keinerlei äußere Anreize, noch besser zu werden.

Ich war unlängst sehr unerquickt in Kuba. Dort ist das ganze Land so. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.11.2005)

Zur Person: Nikolaus Glattauer ist Lehrer mit zwei Lehrämtern (HS, ASO) und schreibt Bücher; soeben erschienen: "Im Vogelblick", Picus-Verlag.
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